Auf der IFA, umgeben von coolen Technikinnovationen und den neuesten Erfindungen, vergisst man schnell, dass diese einen enormen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Die „Digitalisierung“ ist ein allgemein positiv konnotiertes Wort und wird mit den Begriffen Fortschritt und Zukunft assoziiert. Sie steht oft direkt mit der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in Verbindung, denn sie vereinfacht unseren Alltag enorm und ermöglicht uns den Zugang zu unzähligen Informationen. Alles „on the go“, sofern man über eine Internetverbindung verfügt. Ich für meinen Teil kann mir kein Leben mehr ohne das Internet und die Anwendungen vorstellen, die ich regelmäßig auf meinem Smartphone nutze. Ich weiß genau eine Festnetznummer auswendig (meine eigene) und ohne die Hilfe von Google Maps würde ich mich wahrscheinlich selbst in meiner Heimatstadt Köln hoffnungslos verlaufen.

Ich denke einer der Hauptgründe dafür, dass ich mich so sehr auf mein Smartphone verlasse, ist die leichte Bedienung. Die meisten Anwendungen lassen sich super schnell und einfach ausführen. Meistens erfordert es nicht mehr als ein, zwei Klicks. Einmal Enter gedrückt und schon stellt mir das Weltlexikon (auch Google genannt) mehrere tausend Antwortansätze zur Verfügung. Etwas zu googlen ist in vielen Fällen schon fast einfacher (und schneller) als den/die Sitznachbar:in zu fragen. Es verursacht praktisch keinen Aufwand. Aber nur weil es sich so mühelos anfühlt, heißt es nicht, dass es das auch ist.

Der digitale Fußabdruck

Obwohl wir es nicht mitbekommen: hinter jeder Google-Suche, jeder Email, jeder WhatsApp-Nachricht und jedem Post steckt Rechenleistung. In der digitalen Welt funktioniert fast nichts ohne Datenverkehr, der über eine Infrastruktur aus Servern und Rechenzentren läuft. Diese benötigen eine beträchtliche Menge an Energie, um all die Daten und Informationen zu verarbeiten und zu entschlüsseln. Dementsprechend verbraucht jede digitale Anwendung Energie. Angaben des SWR aus dem Jahr 2018 zufolge, verursachten alleine in Deutschland das Internet und internetfähige Geräte 33 Millionen Tonnen CO2 jährlich – so viel, wie der gesamte innerdeutsche Flugverkehr. Inzwischen sind laut dem Report der Digital-Agentur We Are Social knapp fünf Milliarden Menschen regelmäßig im Internet aktiv (Stand 2022) und fördern somit den steigenden Energiebedarf. Und solange Strom nicht umweltschonender wird und der Anteil an erneuerbaren Energien nicht zunimmt, verursachen wir mit unserer ständigen Nutzung internetfähiger Geräte eine Menge CO2. Wir, aber vor allem die Unternehmen, hinterlassen einen sogenannten „digitalen Fußabdruck“, eine Abwandlung des ökologischen Fußabdrucks, der sich auf die Folgeschäden unserer Nutzung digitaler Anwendungen bezieht.

Zu den größten Stromverbrauchern zählt das Streamen von Musik und Videos. Allein die Übertragung von Bewegtbildern verursacht einen durchschnittlichen CO2- Verbrauch von mehr als 300 Millionen Tonnen pro Jahr (Quelle: The Shift Project, Messzeitraum: 2018). Das sind 50% der CO2-Emissionen ganz Deutschlands im Jahr 2020. Das muss man sich einmal vor Augen führen.

Auch das Speichern von Daten in der Cloud (Beispiele: One Drive, Google Drive, iCloud) heißt nicht etwa, dass man seine Daten irgendwo in die Atmosphäre schickt und obwohl es sich entmaterialisiert anfühlt, werden auch diese einfach nur auf Servern abgespeichert, die irgendwo auf der Welt verteilt stehen und- richtig geraten- jede Menge Strom verbrauchen.

Ressourcenverbrauch und Arbeitsbedingungen

In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen sieht es ganz danach aus, als würde der enorme Stromverbrauch nur noch zunehmen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Energiekonsum von Google. Noch 2017 bezifferte Google in seinem Umweltbericht für das Jahr 2016 seinen elektrischen Energieverbrauch mit 6,2 Terrawattstunden. 2020 wuchs diese Summe auf gewaltige 15,4 Terrawattstunden an. Aber das ist nicht das einzige Problem. Jedes herkömmliche Smartphone hat eine Menge seltener Rohstoffe verbaut, die auch irgendwo herkommen und angefertigt werden müssen. Kommerzielle Smartphones überschreiten nicht selten schon vor der eigentlichen Nutzung die 80kg CO2-Grenze.

Obwohl man ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg betrachten sollte, lässt sich allgemein festhalten, dass die Fertigung eines Smartphones den größten Anteil an dem ökologischen Fußabdruck hat, zumal die Lieferketten der Smartphone-Produktion in der Regel sehr lang sind. Daher liegt es nahe, das eine möglichst lange Nutzung des Geräts die Kosten/Nutzenrechnung erheblich verbessert. Allerdings entscheidet meist bereits das Produktdesign, ob eine nachhaltige und kreislauforientierte Nutzung überhaupt möglich ist. Können beispielsweise Einzelteile nicht ausgetauscht werden, muss bei einem kleinem Defekt sofort ein neues Handy her, das wiederum neue Ressourcen und CO2 für die Produktion beansprucht. Weitere Faktoren wären die Upgrade-Fähigkeit, die generell vorgesehene Lebensdauer und die Reuse/Recycling-Optionen. Denn Smartphones enthalten mehr als 40 verschiedene Roh- und Schadstoffe, die teilweise einen erheblichen ökologischen Fußabdruck bei kurzer Lebensdauer hinterlassen und jeweils ihre eigene, komplexe Lieferkette haben. Außerdem werden sie in der Regel unter unmenschlichen Bedingungen in Ländern der dritten Welt abgebaut und sind somit nicht nur umwelttechnisch, sondern auch menschenrechtlich sehr problematisch. Allein in Deutschland besitzen ca. 65 Millionen Menschen ein Smartphone, daraus ergeben sich 50,2 Milliarden Kilogramm CO2. So viel verbraucht ein PKW, wenn er 8650 Mal um den Äquator fährt (auch wenn man zwischen verschiedenen Smartphones und Speicherkapazitäten differenzieren muss. Nicht jedes Smartphone hat einen CO2 Abdruck von 80kg CO2. Es handelt sich hier also nur um einen Annäherungsversuch.).

Halten wir fest: Die Digitalisierung hat einen Preis, vor allem auf Kosten der Umwelt und des Klimas. Sie frisst eine Menge Strom und Ressourcen, welche wiederum unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen abgebaut, verarbeitet und entsorgt werden. Können wir uns also keine gleichzeitig grüne, faire und digitale Zukunft wünschen? Sollten wir unseren Vorstellungen von Smart Citys und Hoverboards den Rücken zukehren und stattdessen eher auf den Luxus verzichten, den moderne Technik uns bietet?

Was nun?

Eine Gesellschaft ohne das Internet, ohne WhatsApp oder gar ohne Smartphones ist heute kaum noch vorstellbar. Wir leben schon längst im digitalen Zeitalter. Auch aus der Landwirtschaft und der Industrie sind neue Technologien schlicht nicht mehr wegzudenken. Digitale Technologien haben einen beträchtlichen Anteil an der Wirtschaftsleistung eines Unternehmens und tragen zu einer effizienteren Produktion und Kommunikation bei. In diesem Bereich überwiegt der ökonomische Nutzen die Kosten und ein Verzicht würde enorme Verluste für die Unternehmen nach sich ziehen. In diesem Sinne ist es besonders wichtig, längerfristig auf Effizienz anstatt auf Verzicht zu setzen und die Ursprünge des Problems zu bekämpfen, anstatt seiner Folgen. Es bedarf Kompromisse aus neuen Technologien und deren Umweltverträglichkeit. Es bedarf Kriterien zur Haltbarkeit, Zuverlässigkeit und Möglichkeiten zur Reparatur, bestenfalls in Form festgesetzter Standards seitens der Politik. Einen ersten Schritt in diese Richtung wird die Europäische Kommission wohl mit der Entwicklung eines Energielabels gehen, das für Konsumenten und Konsumentinnen eben diese Faktoren kenntlich machen soll. So können sie sich bewusst für ein umweltfreundlicheres Gerät entscheiden. Dies soll auch Unternehmen dazu animieren, dem ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte mehr Beachtung zu schenken und neue Konzepte und Ideen zu entwickeln. Deshalb ist es so wichtig, dass die Politik mit dem rasant fortschreitenden digitalen Wandel Schritt hält und ökologische sowie soziale Maßstäbe für die gesamte Wertschöpfungskette setzt. Nur so können wir die Digitalisierung wirklich nachhaltig gestalten.

Für diejenigen, die jetzt schon ihren Beitrag leisten und nicht auf die Politik und Unternehmen warten wollen:
  • bewusster konsumieren, weniger im Internet sein
  • Geräte länger benutzen, gebraucht kaufen, weitergeben und wenn dann fachgerecht entsorgen
  • Filme und Playlists, die du öfter anschaust/hörst einmal herunterladen und nicht jedes mal neu streamen. Bei Videos könnt ihr zusätzlich darauf achten, sie in einer niedrigeren Auflösung zu streamen und zusätzliche Daten einzusparen. So ist auf einem kleinen Bildschirm, wie dem Handy, eine hohe Auflösung in den meisten Fällen sowieso überflüssig.
  • weniger Daten in der Cloud speichern: Fotos und Videos regelmäßig ausmisten oder auf andere Speichermedien, wie USB-Sticks oder Festplatten, zurückgreifen (dies geht allerdings mit einem Mobilitätsverlust einher, weil Daten nicht mehr von jedem Gerät aus zugänglich sind).
  • Suche Antworten auf einfache Fragen nicht direkt im Internet, denn jede Suche verbraucht Strom. Falls du spezielle Websites suchst, wäre es außerdem gut, direkt den passenden Link einzugeben (z.B. per Lesezeichen), damit der Browser nur eine konkrete Internetadresse lädt, anstatt mehrere 100 Treffer. Allein bei Google prasseln schätzungsweise rund 3,8 Millionen Suchanfragen pro Minute ein, wie eine Studie im Auftrag der Wirtschaftswoche ergab.
  • Informiere dich vielleicht auch zu klimafreundlicheren Alternativen von BigTech Unternehmen. Ein Beispiel wäre die Suchmaschine Ecosia. Sie greift zwar auf die Ergebnisse der Suchmaschine von Microsoft (Bing) zurück, dafür spendet Ecosia im Gegensatz zu Google oder Bing ihre gesamten Gewinne durch Werbeeinnahmen an gemeinnützige Naturschutzorganisationen und „gleicht“ die CO2 Emissionen so zumindest teilweise aus.

Quellenverzeichnis:




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