Disclaimer: In diesem Text wird explizite Gewalt dargestellt. 

Als James das erste Mal davon hörte, konnte er es kaum glauben. Eine solche Gabe, gab es nur in den Märchen, die ihm seine Mutter zum Einschlafen erzählt hatte. Er musste lachen, weil die Geschichte einfach zu verrückt, zu unmöglich klang. Aber seine große Schwester saß vor ihm und schaute ihn eindringlich an, „James, du musst mir glauben, ich meine das ernst. Das Ganze ist wahr, leider“, betont sie noch einmal.

Doch nach dem Lachen fängt er an, den Kopf zu schütteln. „Du willst mich veräppeln, unmöglich. Wenn es solch eine Gabe wirklich gibt, warum solltest ausgerechnet du sie bekommen und nicht ich?“, empört er sich.
„Aber ich habe es dir doch erklärt“, seufzt Lilian, „die Gabe des Glücks geht immer nur an das erstgeborene Kind. Nur das kann den Nebel des Schicksals sehen, den normale Menschen nur als Zufall wahrnehmen. Und außerdem will ich diese Gabe doch nicht mal haben. Ich werde sie nicht nutzen, es ist zu gefährlich.“
„Zu gefährlich? Du bist ein Feigling. Was soll das schon passieren, außer dass du reich und erfolgreich wirst?“, erwidert der nun gereizte Teenager.

Erschöpft atmet Lilian aus und erwidert: „Ein Feigling? Du hast mir nicht richtig zugehört. Wenn ich die Gabe nutze, mir das Glück von anderen nehme, um meine Ziele zu erreichen, dann klaue ich meinen liebsten Menschen alles Positive in ihrem Leben. James, dazu würdest auch du gehören. Das könnte ich nicht verkraften. Das Glück muss im Gleichgewicht bleiben und wenn ich es verschwende, um mich zu bereichern, werde ich Anderen damit schaden. Deswegen ist es das Beste, wenn ich es gar nicht erst versuchen werde.“ „Schaden? Du, mir? Ach was, die Leute würden es nicht einmal merken. Ich wäre geschickt und würde die Gabe sinnvoll einsetzen, anstatt sie wie du einfach verkümmern zu lassen!“, braust James auf. Er steht auf, geht zu den großen Fenstern des Wohnzimmers und läuft aufgeregt davor auf und ab.

Lilian fährt sich mit der Hand über das Gesicht. „Die Menschen würden es merken, ihnen würden schreckliche Dinge passieren, weil du ihnen ihr Glück wegnimmst. Sie würden es zwar Pech nennen, aber es könnte Ihnen Schlimmstes widerfahren und du wärst daran Schuld. Nein, meine Entscheidung steht fest. Ich werde diesen Nebel so gut es geht weiterhin ignorieren. Das hat die letzten siebzehn ein-halb Jahre schließlich auch funktioniert“, erwidert sie entschlossen, steht auf und verlässt das Wohnzimmer.

James stampft mit dem Fuß auf den Teppich und murmelt erregt vor sich hin: „Aber es wird alles anders sein, sobald sie volljährig wird und sie die Gabe komplett nutzen kann. Lilian kann das nicht sehen, sie ist zu schwach. Ich muss sie zum Umdenken bewegen, sie muss ihre Macht benutzen, sie muss einfach.“ Er wirft einen bösen Blick zur geschlossenen Tür und starrt dann raus in den Wald vor dem Haus. „Wenn ich sie überreden könnte, hätte auch ich etwas davon. Ich könnte sie lenken und ihren Erfolg für mich nutzen“, überlegt er weiter.

Aber seine Schwester ließ sich nicht von ihrem Plan abbringen, egal wie viel er bettelte. Lilian beharrte darauf, ein guter Mensch zu sein und nichts Unrechtes tun zu wollen.
„Nein und noch einmal, James, hör auf mich überreden zu wollen und hör auf so zu toben, sonst kommt Vater herein und er darf nicht wissen, dass ich dich in alles eingeweiht habe. Versprich mir, dass du niemanden was davon erzählst,“ war Lilians Reaktion auf James Bitten. Sie glättete die Falten in ihrem grünen Baumwollkleid und blickte ihm direkt in die kalten, blauen Augen. Er schaute genervt zurück und grummelte lediglich ein knappes: „Ist schon klar, Lilian, ich halte schon meinen Mund, keine Angst.“

Die Gabe ließ ihm keine Ruhe, diese Offenbarung, diese Möglichkeiten. Was er mit dieser Gabe alles erreichen könnte. Seine Träume von Reichtum und Erfolg könnten wahr werden. Diese Sturheit seiner Schwester konnte und wollte James nicht verstehen. Die ersten Nächte, nach der Enthüllung, warf er sich entweder ruhelos im Bett herum oder träumte davon berühmt zu sein. Er würde in einem Haufen voller Geld schwimmen, die Welt läge ihm zu Füßen. Er war einfach so sauer. Jedes Mal, wenn er Lilian sah, schaute er sie durchdringend an, damit sie ihre Entscheidung änderte. In der ersten Woche versuchte er vernünftig mit ihr über das Ganze zu reden. Er legte seine Argumente dar und führte seiner Schwester vor Augen, was sie alles verpasse, wenn sie ihre Gabe ungenutzt lassen würde. Aber sie ignorierte seine beschwörenden Worte und wiederholte, dass sie kein Geld der Welt haben wollen würde, wenn es dafür ihren Liebsten gut geht. In der zweiten Woche bettelte James, er verzweifelte immer mehr an ihrer Hartnäckigkeit und dem Gefühl, seine Träume davon fliegen zu sehen. Er tat alles für Lilian, um sie zufrieden zu stellen. Kaufte ihr Geschenke, übernahm ihre Aufgaben im Haushalt oder ging mit ihr spazieren. Er hörte sich sogar ihr Gerede über Vögel und Blumen an, nur um sie umzustimmen. Immer wieder bat sein trauriger Blick sie ihre Entscheidung zu ändern. Sie sagte, dass sie seine Fürsorge zu schätzen wüsste und er ihr sehr wichtig war, aber gerade deswegen konnte sie die Gabe nicht nutzen.

Nach einiger Zeit hörte der junge Mann auf, zu verzweifeln. Er sah, dass es egal war, was er tun würde. Was er wollte, würde nicht passieren. Zumindest nicht durch Lilian. James war nur noch sauer, geradezu blind vor Wut. Verstummte ihr gegenüber und wenn sie es auch nur wagte, ihn anzusehen, schrie er sie an. „Du verlogene Egoistin, du denkst nur an dich selber, du willst ja nur alles Glück für dich alleine. Du kannst nicht teilen und sehen, wie erfolgreich ich werden könnte. Es ist unfair, du hast die Gabe nicht verdient!“

Seine Eltern bekamen von dem Geschrei selten etwas mit, denn James war geschickt und achtete darauf, seine Wut in ihrer Nähe im Zaum zu halten. Doch sie wunderten sich, wieso er immer stiller und nachdenklicher wurde. Er sprach nur das Nötigste und war leicht reizbar. Sie hielten es für eine trotzige Phase, die jeder junge Mensch mal durchmacht und beachteten das komische Verhalten ihres Sohnes kaum. Dieser dachte nach, sehr intensiv und sehr viel. Er ging alle möglichen Lösungen des Problems, doch blieb ihm scheinbar nur eine, um dieses zu lösen.

Es war ein schöner Frühlingstag, kurz vor Lilians achtzehntem Geburtstag. Seine Mutter hatte den beiden aufgetragen, im Wald nebenan, Pilze für ihr Abendessen zu sammeln. Genervt und unter Protest ging James mit seiner Schwester in das nahe Gehölz. Sie sprachen kein Wort miteinander und die Spannung zwischen ihnen war deutlich zu spüren.

So sammelten beide möglichst weit auseinander ihre Pfifferlinge, dennoch in Sichtweite, um sich nicht zu verirren. Irgendwann drehte Lilian James ihren schlanken Rücken zu und er sah, dass seine Chance gekommen war.

Wenn er im Nachhinein darüber nachdachte, erinnerte er sich kaum an Einzelheiten, es ging alles sehr schnell. Er nahm den dicksten Ast in einer Nähe und holte so stark, wie er konnte, aus. Sie sah es nicht kommen, konnte sich weder wehren noch schreien. Ihr zarter Körper plumpste förmlich auf den moosbedeckten Waldboden. Er wusste nicht mehr, wie er sie weggebracht hatte oder wie er mitsamt den Pilzen nach Hause gekommen war. Die nächste scharfe Erinnerung war das entsetzte und todtraurige Gesicht seiner Mutter, als er ihr stotternd erzählte, was passiert war. „Ich, sie, sie ist weg. Sie ist weggelaufen. Ich habe mich einmal kurz umgedreht und auf einmal stand da nur noch der Korb. Ich habe sie gerufen und gesucht. Ich habe versucht, ihr hinterher zu eilen, um sie dann zum Bleiben zu überreden, aber ich konnte sie nicht finden. Sie ist weg und ich mache mir solche Vorwürfe“, brachte er hervor. Seine verzweifelte Mutter konnte nicht begreifen, was er da von sich gab. „Aber wieso? Wieso sollte sie davonlaufen? Hier hatte sie doch alles, was sie brauchte. Sie ist doch sonst so ein liebes Kind“, stotterte sie unter Schock.

„Sie hat am Anfang die ganze Zeit davon gefaselt, dass sie uns nicht schaden will und ihr das alles so leidtun würde, aber ich dachte sie ist nur durcheinander und hackte nicht weiter nach“, versuchte James die Begebenheit verständlich zu machen.
Seine Eltern zweifelten nie an seiner Geschichte, denn als sie sein bleiches, verstörtes Gesicht sahen, konnten sie ihm nur glauben. Seine Mutter weinte noch lange um ihr verlorenes Kind, doch fanden sie Lilian auch mit der Hilfe der örtlichen Polizei nie. Über die Jahre hinweg stellte die arme Frau jeden Abend eine Kerze in das Wohnzimmerfenster, damit ihre geliebte Tochter wieder nach Hause finden würde, wenn sie einsah, dass es ihr dort am Besten gehen würde.

James hingegen bemerkte den Unterschied sofort, als er wieder vor der Haustür stand. Um die Gesichter seiner Eltern schwebte eine Art milchiger Nebel. Der Nebel des Glücks. Er hatte ihn gefunden, denn er war nun der Erstgeborene. Die Gabe gehörte jetzt ihm. Nur ihm allein.




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