Der Mann von gegenüber lehnt sich aus dem Fenster

Das Radio läuft und er verrichtet seine Arbeit. Der Mann von gegenüber repariert sein Fenster. Er putzt, er schraubt, er misst. Es regnet auf seinen Kopf

Der kurze Einblick, den ich in sein Leben erhalte, wärt etwa eine Viertelstunde, dann verschwindet er wieder. Kehrt wieder zurück, diesmal mit einer Silikontube. Während er sein Werk verrichtet, denke ich daran, wie seine Wohnung wohl aussieht. Offensichtlich kümmert er sich, er scheint, die Dinge in die Hand zu nehmen und wenn das Fenster eine neue Dichtung braucht, so nimmt er die Silikontube und lässt sich den Regen auf den Kopf prasseln.

Ich beende mein Gedankenspiel – wer bin ich, ein Profiler?

Was sagt eine Fensterreparatur schon über einen Menschen und seine Art, zu leben aus. Ich denke daran, was die Leute sich wohl denken, wenn sie in meine Fenster hineinblicken und sehen, wie ich Staub sauge. Ob sie wohl darauf schließen, ich sei ein ordentlicher Typ oder wissen sie, dass ich es bereits den Rest der Woche vor mit hergeschoben habe.

Der Mann verschwindet wieder, kehrt zurück, diesmal mit einer Frau. Er zeigt ihr etwas, gestikuliert, lacht. Die Frau lacht nicht, sie zieht sich zurück. Sie sah generell nicht so glücklich aus. Ich fange an wieder auf Sachen rückzuschließen und höre sofort wieder auf. Ich nehme meine Gitarre in die Hand und spiele ein wenig. Der Regen wird stärker. Den Mann scheint das nicht zu stören. Er muss fertig werden. Leicht wippend zu einer Musik, die ich über die Distanz nicht hören kann, schraubt er weiter. Ich adaptierte, nahezu ohne es zu merken, den Rhythmus und spiele ein paar Akkorde. Die Vorstellung der Mann würde zu meinem Gitarrenspiel tanzen, stimmt mich glücklich. Die Silikontube scheint leer zu sein. Der Mann flucht, ich wechsle zu Moll. Er verschwindet wieder. Schließt das Fenster – ich denke, für heute ist Schluss. Als ich mich gerade damit abgefunden habe, dass ich das Leben dieses Mannes für heute nicht weiter vertonen darf, geht die Haustür auf. Er läuft hinaus, die Hände über dem Kopf, als ob seine Glatze plötzlich wasserlöslich sei. Er steigt in sein Auto. Ich verlasse meinen Posten. Folgen werde ich ihm nicht. Wieder habe ich mich damit abgefunden das Schauspiel sei zu Ende. Da taucht die Frau am Fenster auf. Sie schaut auf das Werk ihres Mannes, während sie telefoniert. Hören, was sie sagt, kann ich nicht, aber sie gestikuliert nicht, lacht nicht, sieht sehr neutral aus. Das Gespräch scheint förmlich zu sein. Na gut, für heute reichts. Am nächsten Tag ist das Auto des Mannes  immer noch nicht da. Oder wieder nicht? Ich denke schon gar nicht mehr an die Geschichte von gestern. Mein Zimmer muss mal wieder aufgeräumt werden.

Während ich sauge, höre ich einen der Songs, die ich in den letzten Tagen aufgenommen habe. Das Fenster ist offen, weswegen ich höre, wie ein Wagen ankommt und gegenüber stehenbleibt. Gedanken verloren schaue ich auf und sehe die Aufschrift auf dem Wagen: Fensterbauerei und Glaserei Sajewski und Partner“. Ich schmunzle, setze den Sauger kurz ab und mich aufs Bett. Wenige Minuten später taucht ein glatzköpfiger Mann am Fenster gegenüber, 1. Stockwerk, auf und schaut sich die Dichtung an. Es nieselt und der Glatzkopf gehört dem Handwerker, der sich nun umdreht und mit der Frau redet. Ein weiteres Auto kommt vorbei. Es ist eben jener alte Volvo, der seit gestern mittag fehlt. Aus dem Auto steigt eine weitere Glatze. Diese Glatze gehört meinem Nachbarn, der nun mit einer Hand auf dem Kopf – der Regen prasselt inzwischen, einen Reisekoffer von der Rückbank holt. Er schließt auf und betritt das Haus. Zwei Minuten später fliegt eine Vase aus dem Fenster. Gut, dass ein Glaser im Haus ist, denke ich, vielleicht kann er die noch flicken. In dem Moment prallt sie schon auf und zerspringt in alle Einzelteile, mitten auf der Straße. Das hätte böse ausgehen können. Die Haustür öffnet sich und der Handwerker huscht aus dem Haus, steigt in sein Auto und braust davon. Diesmal fliegt ein Blumentopf und dann eine Silikontube. Das wars dann aber auch. Mehr Sachen fliegen nicht. Der Mann verlässt das Haus, diesmal mit einem größeren Koffer. Ein paar Tage später steht ein Transporter mit der Aufschrift „Fensterbauer Gebard“ vor der Tür. Die Sonne scheint.




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