Viele Menschen kennen den Effekt: Man ist schlecht gelaunt und möchte eigentlich nichts lieber als schlafen. Dann hört man plötzlich den Ohrwurm-Hit des Jahres im Radio oder in der eigenen Spotify-Playlist und ist deutlich wacher als zuvor. Manchmal verspürt man sogar den Drang, laut mitzusingen. Doch woher kommt diese plötzliche Stimmungsaufhellung?

Steven Pinker ist ein Psychologieprofessor in Harvard und hat die Musik als ,,auditory cheescake“ bezeichnet, also als ,,Käsekuchen für die Ohren“. Schön, dass es sie gibt, aber nicht unbedingt für den Menschen notwendig.

Doch es sei viel mehr als nur ein ,,Käsekuchen für die Ohren“. Dieser Überzeugung ist Professor Stefan Kölsch, ausgebildeter Geiger und Psychologieprofessor. Seiner Ansicht nach, habe Musik eine heilende Kraft. Auch heilt sie insbesondere Patienten, die an Schlaganfälle, Parkinson, Alzheimer oder Depressionen erkrankt sind. In diesen Gebieten seien positive Effekte durch Musik gut belegt. Außerdem gebe es darüber hinaus ebenfalls Hinweise, dass Musikhören das Leben generell positiv verändere.

Rettung durch Musik

Ein gutes Beispiel: Die Rettung durch Musik bei der Endurance-Expedition. Hier sind im Januar 1915 Ernest Shackleton und seine Forschungsgruppe in der Eishöhle in der Antarktis festgefroren. Bei minus 90 Grad wollten viele Menschen vor Schmerzen nur noch sterben. Da holte ein Mitglied sein Banjo heraus und stimmte Lieder an. Alle sangen gemeinsam und schöpften neue Kraft und neuen Überlebensmut. Ohne die Musik hätten also viele der Mitglieder nicht überlebt.

Jetzt kann argumentiert werden, Musik habe hier nicht allein dazu beigetragen: Das gemeinsame Singen hat grundsätzlich das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt gestärkt. Mit großer Wahrscheinlichkeit! Doch auch die Musik selbst hat diese positiven Aspekte hervorgerufen. Beim Musizieren als auch beim Musikhören sind sehr viele unterschiedliche neuronale Netzwerke beteiligt. Außerdem, und darauf kommt es in diesem Fall an, werden hilfreiche Botenstoffe im Hirn freigesetzt. Dies geschieht bereits beim Musikhören. Singt oder musiziert man aktiv, sind diese Effekte noch stärker. Mit der Zeit ändert sich sogar die Anatomie des Gehirns und neue, neuronale Verknüpfungen bilden sich. Die Nervenleitungen werden dicker und können Informationen schneller übermitteln.

Wie können beispielsweise Schlaganfallpatienten geheilt werden?

Auch dies ist leicht zu erklären. Schlaganfall-Patient:innen sind meist in der linken Hirnhälfte, dort, wo die Sprachfähigkeit liegt, stark beeinträchtigt. Die rechte Hirnhälfte aber funktioniert weiter normal und man kann beispielweise oft Kinderlieder, die man schon sehr lange kennt, noch abrufen. Sowohl die Melodie als auch der Text. Trainiert man diese jetzt gezielt, regeneriert sich mit der Zeit auch die allgemeine Sprachfähigkeit. Somit hilft die Musik also auch hier. Betroffene beginnen oft, Sätze zunächst zu singen, um später wieder recht fließend ,,normal“ zu sprechen.

Ein weiterer großer Vorteil hat die Musik für den Menschen: Professor Kölsch hat ein Experiment durchgeführt, wobei Probanden über Kopfhörer abwechselnd verbale Botschaften und Akkordfolgen vorgespielt bekamen. Im EEG konnte so gesehen werden, dass während des Hörens einer unharmonische Akkordfolge im Gehirn ganz ähnliche Schaltkreise aktiviert wurden, wie dies während des Hörens grammatikalisch falscher Sätze, zum Beispiel ,,Die Affen Bananen essen“ der Fall sei. Sogar Testpersonen, denen diese seltsame Akkordfolge gar nicht bewusst war, zeigten in ihrem Gehirn deutlich folgendes Aktivierungsmuster auf, das auf Irritation hinweist.

Darüber aufklären muss man an dieser Stelle, dass das Gespür für musikalische Harmonien nicht angeboren ist. Aber das Potential, solches in der Regel sehr schnell zu erlernen.

Hierbei gibt es viele Parallelen zwischen Sprache und Musik: Grammatiken unterschiedlicher Sprachen ähneln untereinander nur bedingt. Und auch was in der Musik als harmonisch gilt, hängt vom jeweiligen Kulturkreis ab. Sprache ist daher also einen Spezialform von Musik.

 Warum lieben viele Menschen Musik?

Ein wichtiger Faktor sei hierbei die Neugierde, so Professor Kölsch. Musik spiele mit unseren Erwartungen. Man möchte oft als Zuhörer:in wissen, wie es weitergehe, ob der Ton auch wie erwartet komme. Diese Situation der gespannten Erwartung möge unser Gehirn generell sehr gerne. Genuss entstehe fast immer durch eine raffinierte Mischung aus Erwartbarem und Überraschung. Dann werde im Gehirn Dopamin ausgeschüttet: Ein Botenstoff, der antisklerotisch (anti verhärtend), also jung hält, führt Kölsch weiter aus.

Übrigens habe es keine genetischen Gründe, ob jemand musikalisch sei. Vielmehr habe es mit der sogenannten Epigenetik zu tun, sagt Professor Kölsch, also welche Abschnitte des Erbguts durch Umweltfaktoren aktiviert werden und welche nicht. Musikalität ist also von vielen Dingen geprägt. Bereits Töne, Melodien und Rhythmen im Mutterleib können eine Auswirkung haben. Und natürlich erste Eindrücke direkt nach der Geburt. Auch entscheidend kann sein, wie Eltern mit ihrem Kind sprechen und ob sie mit ihm singen.

Musik kann aus diesen Gründen also oft als Stimmungsaufheller dienen. Menschen, die an Depressionen leiden, sollten unbedingt fröhliche, gute Laune Musik hören. Dadurch wird die sogenannte Hippocampus Formation stimuliert: eine Struktur, in der bis ins hohe Alter neue Gehirnzellen gebildet werden können.

Bei Gedankenchaos und scheinbar grauen Momenten also ruhig mal alles stehen und liegen lassen und Musik auf die Ohren!

Quellen:




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