Wie Medienhäuser versuchen, nachhaltiger zu werden

Wenn wir abends gemütlich einen Film schauen, ist uns meist gar nicht bewusst, was für ein großer Beitrag zum Klimawandel dahinter steckt. Jeder Schritt einer Filmproduktion verursacht große Mengen an Treibhausgasemissionen. Alleine durch ressourcenschonende Maßnahmen konnten 2019 beim Dreh der Tatort-Folge „Maleficius“ 43% CO2-Emissionen eingespart werden!
Und da wir alle in der Verantwortung stehen, unseren ökologischen Fußabdruck und die negativen Auswirkungen unseres Handelns zu minimieren, bemühen sich die großen Medienhäuser, wie ARD und ZDF, immer mehr, nachhaltiger zu werden. Wie genau dieses Engagement aussieht, wollen wir in diesem Artikel beleuchten.

Bei Produktionen und in Rundfunkanstalten gibt es einen enorm hohen Ressourcenverbrauch. Im Studiobetrieb und beim Dreh wird Strom für viele Produktionsmittel benötigt. Auch die Lichttechnik zur Ausleuchtung von Sets und Übertragungswagen ist energieintensiv. In der täglichen Arbeit in der Verwaltung und in Redaktionen werden Ressourcen, wie Papier, Wasser und Energie in Anspruch genommen. Auch die Mobilität zwischen verschiedenen Standorten sowie Recherche- und Drehreisen verbrauchen massenhaft Ressourcen!
Bei der Produktion eines 90-minütigen Fernsehfilms, wie beispielsweise eines in Deutschland so populären Tatorts, beträgt der Gesamtverbrauch im Durchschnitt zwischen 100.000 und 120.000 Kilogramm CO2! Sowohl bei den CO2-Emissionen als auch bei der Abfallmenge können die Verbräuche dabei allein durch Nachhaltigkeitsmaßnahmen schon um ca. 30% reduziert werden!
Es gibt viele Faktoren, welche die CO2-Emissionen beeinflussen. Ein hoher Personal- und Produktionsmittelbedarf verursacht erhebliche Abfallmengen und die Dekoration einer Sendung kann aufgrund ihres Alleinstellungsmerkmals nur selten für weitere Produktionen verwendet werden. Außerdem werden für Dekorationsbauten Werkstoffe und Materialien genutzt, welche Schadstoffe enthalten können. Schauspieler:innen, Kompars:innen und das Produktionsteam werden vor Ort verpflegt. Dabei entstehen Essensreste und Abfälle, die entsorgt werden müssen. Veränderungen in Dreh- und Dienstplänen, Drehbüchern und Sendungskonzepten können zu einem hohen Papierverbrauch führen. All diese Aspekte sorgen für einen hohen CO2-Ausstoß. Doch mit ein paar Maßnahmen und Umstellungen kann eine Produktion gleich viel nachhaltiger gestaltet werden.

Bei sogenannten Remote Productions wird der Produktionsaufwand dank modernster Technologien deutlich reduziert, indem die Crew vor Ort auf ein Minimum beschränkt wird und der Rest des Fernsehteams „zu Hause“ in den Produktionsstätten der Sender arbeitet. Um zusätzlich zu den Remote Productions allerdings noch nachhaltigere Filmproduktionen zu ermöglichen, gründete die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) 2017 den Arbeitskreis Green Shooting.

„Es ist der erste Versuch, gemeinsam als Branche Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren – von der Filmförderung bis zum Dienstleisterverband, der dafür sorgt, dass die benötigten energiesparenden Geräte auch zur Verfügung stehen. Gemeinsam arbeiten die Mitglieder auf eine flächendeckende ökologisch nachhaltige Filmproduktion hin.“ – Carl Bergengruen, MFG-Geschäftsführer und Leiter des Arbeitskreises „Green Shooting“

Ziel des Arbeitskreises ist es, Produktionen so umwelt- und klimaverträglich wie möglich zu realisieren und CO2-Emissionen zu minimieren. Eine Initiative um dies zu erreichen, ist das Projekt Green Production. Darunter versteht man Filmproduktionen, bei denen die Macher:innen das Ziel verfolgen, so nachhaltig und CO2-arm wie möglich zu produzieren. So sollen Filmdrehs künftig unter anderem durch Ökostrom, weniger Flug- und PKW-Reisen sowie dem Verzicht von Einwegplastik klimaverträglicher gestaltet werden. Denn allein durch Umstellungen im Produktionsprozess kann fast die Hälfte der CO2-Emissionen eingespart werden. Solche Umstellungen können beispielsweise die Wechsel von Flugzeug auf Bahn, Hotels auf Apartments und der Austausch herkömmlicher Scheinwerfer mit LED-Lampen sein.

„Die Herstellung von Kino-, TV- und Online-Produktionen verursacht hohe CO₂-Emissionen. Die Branche handelt – freiwillig. Denn mit der Umstellung auf eine umwelt- und ressourcenschonendere Herstellungsweise kann ein relevanter Teil dieser CO₂-Emissionen vermieden werden.“ – https://www.green-motion.org/

Um eine Produktion „grün“ umzusetzen, gibt es einige Fragen, die beachtet werden müssen: Ist das Hotel für die Schauspiel-Crew umweltzertifiziert? Gibt es Bio-Kosmetik, die auch vor Spielfilmkameras besteht? Bietet das Catering regionale und vegetarische Kost an? Wie sieht es mit Öko-Labels und Inhaltsstoffen, Herstellungsarten und Energieverbräuchen aus?
Faktoren, welche eine Produktion „grün“ werden lassen, sind beispielsweise die Reduzierung stark energieverbrauchender Geräte, Scheinwerfer und Leuchtmittel, ein umweltbewusstes und ressourcenschonendes Verhalten an Drehorten sowie die Verwendung umweltfreundlicher Materialien, Techniken und Dekorationen. Auch das Verwenden von Ökostrom, emissionsreduzierten PKWs und LKWs, der Verzicht bzw. eine deutliche Reduktion von Diesel-Generatoren, Flugreisen und umweltschädlichen Substanzen sowie der Einsatz eines nachhaltigen Caterings machen eine Produktion nachhaltiger. Nebenher gibt es viele Umstellungen am Set, die einen Dreh klimafreundlicher werden lassen. Hier ein paar Beispiele:

  • Licht ist häufig der größte Stromverbraucher am Set. Die meisten Scheinwerfer brauchen sehr viel Energie. Außerdem sind zusätzlich oft Generatoren erforderlich. Der Einsatz energiesparender Leuchtmittel senkt diesen Ressourcenverbrauch deutlich. Mit LED-Licht lassen sich Einsparungen von bis zu 90% erreichen.
  • Beim Setdesign und Dekobau kann man durch eine umweltbewusstere Produktionsweise nicht nur Emissionen, sondern auch Kosten reduzieren. Vor allem bei Deko und Materialien gilt: reduse, reuse, recycle
  • Die Produktion von Strom ist weltweit die Hauptursache von Treibhausgas-Emissionen – auch in Deutschland. Doch schon mit wenigen Maßnahmen, wie der Nutzung von Ökostrom, kann dem entgegengewirkt werden.
  • Ein Produktionsbüro ist oft lange Zeit mit vielen Mitarbeiter:innen in Betrieb, die permanent auf den Einsatz von Computern, Druckern oder Küchengeräten angewiesen sind. Daraus folgt ein signifikanter CO₂-Ausstoß. Außerdem fallen weitere Treibhausgase, Giftstoffe und Müll an. Doch im Büro gibt es große Einsparpotenziale. Es brennt (fast) immer Licht, obwohl das nicht immer notwendig ist. Deckenlicht verbraucht am meisten Strom, doch oft genügt schon die Schreibtischlampe. Mit LED-Leuchtmitteln lassen sich im Vergleich zu Glühbirnen und Halogenlampen bis zu 90% Strom einsparen. Ein großes Einsparpotential gibt es auch beim Heizen. Die ideale Raumtemperatur für Bürotätigkeiten liegt bei 20°C. Höhere Temperaturen führen auch zu höherem Verbrauch. Sofern das Büro mit einer Gasheizung beheizt wird, lohnt sich der Wechsel auf Biogas. Durch den Umstieg von stationären PCs auf Notebooks wird der Energieverbrauch zudem auf die Hälfte reduziert. Einen unnötigen Energieverbrauch erzeugen auch Geräte im Standby-Modus (z.B. Computer, Monitore, Drucker und Scanner). Bei konsequentem Ausschalten dieser Geräte kann bis zu 70% Energie gespart werden.
  • Bei elektronischen Geräten sollte man auf die Reparierbarkeit sowie eine soziale und umweltfreundliche Produktion achten.
  • Durch richtige Mülltrennung kann bis zu 90% Restmüll eingespart werden.

Nachhaltig geführte Unternehmen und Produktionsweisen haben viele Vorteile. Sie verbessern nicht nur die Öko-Bilanz, sondern steigern auch die Mitarbeiter:innenbindung und erhöhen damit die Effizienz des Workflows. Außerdem verbessern sie auch die Imagepflege, erhöhen die Attraktivität des Unternehmens und ziehen damit neue Mitarbeiter:innen an. Weiterhin halten sie finanzielle Sparpotentiale in vielen Bereichen bereit und stärken damit die Zukunftssicherheit. Angesichts des Klimawandels und den eben genannten Vorteilen bin ich mir deshalb sicher, dass der Arbeitskreis Green Shooting in Zukunft noch viele neue Anhänger:innen der Medienbranche verzeichnen kann.

Auch die zwei großen deutschen Medienhäuser ARD und ZDF sind Mitglieder des Arbeitskreises green shooting und geben alle 2 Jahre einen Nachhaltigkeitsbericht nach den Kriterien des Deutschen Nachhaltigkeitskodexes (DNK) ab. Dieser Kodex richtet sich an Unternehmen und Organisationen und dient der Beurteilung, wie Unternehmen Nachhaltigkeit im Kerngeschäft verankern.

„Der Nachhaltigkeitskodex ermöglicht Unternehmen, ihr Nachhaltigkeitsengagement transparent, vergleichbar und damit auch anschaulich für Investoren und Konsumenten darzulegen. Ich glaube, dass dieses Konzept überzeugt, denn der Kodex findet auch über die deutschen Grenzen hinweg in Europa großes Interesse. Wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen, wäre das eine Möglichkeit, auch die europäische Dimension zu stärken.“ – Angela Merkel

Der Nachhaltigkeitskodex unterstützt den Aufbau einer Nachhaltigkeitsstrategie, ist kostenlos und bietet einen Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese Nachhaltigkeitsberichte sind eine umfassende Bestandsaufnahme des bisher erreichten Engagements für ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. Die ARD hat sich bezüglich des Nachhaltigkeitsberichts das Ziel gesetzt, „herauszufinden, an welchen Stellen langfristig Ressourcen geschont werden können bzw. wo Defizite liegen“. Für das ZDF ist er „die Möglichkeit, sich verbindlich für die kommenden Jahre neu zu positionieren – in allen Facetten der Nachhaltigkeit“. Dabei setzt sich das ZDF die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks (beispielsweise durch Green Production und CO₂-Reduktion im Unternehmen) als Schwerpunkt.

„Der Nutzung von Öko-Strom aus erneuerbaren Energien ist der Vorrang einzuräumen.“ – ZDF-Nachhaltigkeitsbericht

ZDF-Nachhaltigkeitssziel Nummer 1 ist Klimaneutralität durch Senkung der Treibhausgasemissionen. Als weitere Ziele wurden unter anderem die Förderung der nachhaltigen Mobilität der Mitarbeiter:innen sowie noch mehr nachhaltige Eigen- und Auftragsproduktionen, die den ökologischen Mindeststandards des Arbeitskreises „Green Shooting“ entsprechen, ausgeschrieben. Bis 2023 möchte man die Hälfte der fiktionalen Auftragsproduktionen „grün“ umsetzen. Langfristig soll dann die gesamte Programmproduktion darauf umgestellt werden.

Auch die ARD möchte den Anteil nachhaltiger Produktionen steigern und bis 2024 möglichst alle Produktionen klimaschonend herstellen. Weiterhin sollen der Verbrauch, die Emissionen und die Kosten beim Ressourcenverbrauch reduziert werden. Dies soll durch den Einsatz energieeffizienter Technologien, den Ausbau der „Green IT“ und die Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien geschehen. Zudem möchte man Mobilitätskonzepte weiterentwickeln und fördern, indem man Dienstreisen mithilfe neuester Kommunikationstechnologien verringert.

Um diese Ziele zu erreichen, haben beide Medienhäuser bereits einige Maßnahmen getroffen. Das ZDF behauptet, durch den Einsatz von Ökostrom und Fernwärme schon in wesentlichen Teilen klimaneutral zu sein. Seit 2019 beziehe man am Standort Mainz und in allen Inlandsstudios nur noch Ökostrom und würde damit alleine in Mainz jährlich rund 5000 Tonnen CO2 einsparen. Weiterhin arbeite man nur noch mit gesunder, umweltfreundlicher Mitarbeiter:innenverpflegung mit biologisch abbaubaren Verpackungen, Holzbesteck, Mehrwegbehältern sowie Biogemüse und zunehmend auch mit regional hergestellten Produkten. Weiterhin wird eine klimafreundliche Mobilität der Mitarbeiter:innen gefördert. Seit 2021 gibt es beispielsweise auf dem ZDF-Gelände in Mainz eine E-Bike-Ladestation und seit Juni 2021 kooperiert das ZDF mit lokalen Car- und Bikesharing-Anbietern. Neben ressourceneffizientem Handeln betreibt das ZDF auch Maßnahmen im Bereich der Lichttechnik. So wechselte man beispielsweise im Studiobetrieb, bei Schnittplätzen sowie im Produktionsmittelbereich auf LED-Technik und reduzierte des Weiteren den Energiebedarf in Geräteräumen (Versorgung und Kühlung) durch energieeffizientere Systeme und eine Umstellung auf LED-Beleuchtung.

„Zum Selbstverständnis des ZDF gehören der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen zum Schutz des Klimas und zum Erhalt unserer Umwelt.“ – ZDF-Intendant Dr. Norbert Himmler

Genau wie das ZDF bemüht sich auch die ARD, langfristig zu einem nachhaltigen Medienverbund zu werden und will ihr Engagement stetig ausbauen. Mit verschiedensten Aktionen, Veranstaltungen und Programminhalten will die ARD nachhaltiges Handeln erfahrbar machen, mit Angeboten zum Nachdenken anregen und damit echten Erkenntnisgewinn schaffen. Laut eigenen Angaben im ARD-Nachhaltigkeitsbericht ist es ihnen ein wichtiges Anliegen, einen wertvollen und nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Deshalb trifft man eigene Maßnahmen und Strategien zur CO₂-Reduktion und arbeitet seit Anfang 2022 nur noch mit Ökostrom. Außerdem wurde 2019 ein knappes Drittel weniger Papier verwendet als noch im Jahr 2015. Anfang 2020 erschien mit dem HR-Film „Die Luft, die wir atmen“ die erste klimafreundlich produzierte szenische Produktion der ARD. Am Set floss hierbei ausschließlich Ökostrom, der Produktionsfuhrpark wurde auf die nötigsten Fahrzeuge beschränkt und es wurde mit LED-Scheinwerfern gearbeitet. Die Requisiten kamen teilweise vom Flohmarkt und früher beim Film selbstverständliche Posten (z.B. Flüge zum Drehort, Plastikbecher für die Crew und die Nutzung von Stromgeneratoren) wurden umweltfreundlicher ersetzt oder gar ganz vermieden. Bis zu 30 weitere fiktionale Produktionen wurden angeblich 2020 nach Regeln des Arbeitskreises „Green Shooting“ nachhaltig umgesetzt. In der Produktion arbeitet man zunehmend und soweit verfügbar mit Festnetzstromanschlüssen, die Ökostrom beziehen und verzichtet soweit möglich auf den Einsatz von Stromgeneratoren mit Verbrennungsmotoren. Verstärkt werden Einwegbatterien durch wieder verwendbare Akkus ersetzt und bei Re-Investitionen in Beleuchtungstechnik werden LED- oder ähnlich effiziente Leuchten eingebaut. Weitere Bemühungen der ARD sind die Verringerung von Dienstreisen durch den Einsatz optimierter Konferenztechnologien sowie die Umsetzung nachhaltiger Kantinen- und Cateringkonzepte. Und dies sind glücklicherweise nur wenige Beispiele, wie die ARD und das ZDF versuchen, nachhaltiger zu werden. Wir können also nur positiv in die Zukunft blicken und hoffen, dass da noch viel mehr kommt!

Auf die Frage, warum Nachhaltigkeit für die Branche wichtig ist, antworten die Vertreter von der ARD und vom ZDF wie folgt: Für das ZDF ist die Medienbranche mit einer hohe Verantwortung als meinungsbildender Vermittler von Information sowie als Orientierungsfaktor für viele Bürger:innen verbunden. Folglich wolle man als gutes Beispiel vorangehen. Die ARD sieht ein großes Potenzial in schnellen Schritten zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes beizutragen. Dies betrifft eine klimafreundlichere Herstellung von Videoinhalten sowie die Reichweite, über Nachhaltigkeit zu informieren. Weiterhin ist es laut der ARD die Verantwortung der Medien, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten nicht verleugnet werden können.

Die neueste Innovation des Arbeitskreises Green Shooting ist das Label green motion. Dieses macht ökologisch nachhaltig hergestellte Produktionen im deutschen Kino-, TV- und Online-Sektor öffentlich sichtbar. Wenn ihr also das nächste Mal einen Filmabend veranstaltet und dieses Logo entdeckt, könnt ihr euch entspannt zurücklehnen, mit dem Wissen, dass dieser Streifen so klimafreundlich hergestellt wurde wie nur möglich.

 


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