Krieg ist für viele junge Menschen längst keine ferne Realität mehr geworden. Wer heute Instagram, TikTok oder Telegram öffnet, stößt innerhalb weniger Sekunden auf Bilder zerstörter Städte, Luftangriffe oder Menschen auf der Flucht. Konflikte aus der Ukraine, aus Gaza oder anderen Krisengebieten erscheinen direkt zwischen Unterhaltungsvideos und Alltagsinhalten.
Doch wie wurden Kriege vor Social Media vermittelt? Und wie verändert die ständige digitale Präsenz von Konflikten das Sicherheitsgefühl einer Generation, die in Europa eigentlich mit dem Gefühl von Frieden aufgewachsen ist?
Traditionelle Nachrichtenquellen sind den meisten Menschen bekannt. Die Tagesschau, die täglich ausgestrahlt wird, war lange ein fester Bestandteil für alle, die sich darüber informieren wollten, was national und international geschieht. TV-Nachrichten, Zeitungen und Magazine gehörten über Jahrzehnte zum Alltag vieler Haushalte. Menschen informierten sich gezielt über aktuelle Ereignisse und konnten danach wieder Abstand vom Geschehen gewinnen. Ein Anschlag wurde vielleicht in einem Beitrag erwähnt und danach nicht weiter verfolgt. Heute ist das anders.
Die Rolle sozialer Medien wuchs schnell und hat inzwischen ein enormes Ausmaß angenommen. Sie dienen den Menschen nicht nur dazu, persönliche Inhalte zu teilen und sich mit anderen zu vernetzen, sondern auch der Informationsvermittlung.
Laut einer repräsentativen CATI-Befragung deutschsprachiger Personen ab 14 Jahren nutzen 80 Prozent der Nutzer:innen mindestens einmal wöchentlich Messenger-Dienste wie WhatsApp. Zudem verwenden 36 Prozent regelmäßig soziale Netzwerke wie Instagram oder Facebook. Innerhalb der jüngsten untersuchten Gruppe zwischen 14 und 29 Jahren trifft das sogar auf 98 Prozent der Befragten zu.
Des Weiteren gaben 44 Prozent der Befragten einer Vodafone-Studie an, soziale Medien zu nutzen, um sich über aktuelle Themen auf dem Laufenden zu halten. Neben 58 Prozent, die Plattformen verwenden, um Kontakt zu Familie und Freund:innen zu halten, und 52 Prozent, die interessanten Persönlichkeiten folgen, ist das Verfolgen von Nachrichten zwar nicht der wichtigste Grund für die Nutzung sozialer Medien, dennoch spielt es eine bedeutende Rolle.
Gleichzeitig bedeutet die private Nutzung sozialer Netzwerke auch, dass Nutzer:innen durch Algorithmen regelmäßig mit aktuellen Themen konfrontiert werden. Plattformen wie Instagram zeigen Menschen Inhalte an, die nicht immer ihren eigentlichen Interessen entsprechen.
Die Nachrichten und Bilder, die Jugendlichen täglich begegnen, sorgen dafür, dass sie Krieg und Krisen näher denn je wahrnehmen. Gleichzeitig werden sie ständig mit Meldungen aus der Ukraine, dem Iran oder Gaza konfrontiert. Das kann einerseits zu einer gewissen Desensibilisierung führen, andererseits aber auch Zukunftsängste verstärken. Die Debatte um eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht verschärft dieses Gefühl zusätzlich. Viele Jugendliche erleben zum ersten Mal das Gefühl, dass Krieg nicht mehr nur etwas ist, das weit entfernt stattfindet.
Je mehr Nachrichten junge Menschen konsumieren, desto häufiger geraten sie auch in Kontakt mit Filterblasen und Echokammern. Dadurch können politische Radikalisierung und ideologische Extreme begünstigt werden. Soziale Medien können zwar Aktivismus fördern, gleichzeitig aber auch gefährlich sein, wenn Nutzer:innen nicht gelernt haben, mit Desinformation und möglichen Falschmeldungen umzugehen. Besonders in rechtsextremen Onlineblasen verstärken gegenseitige Zustimmung und Abschottung häufig Feindbilder und Anfeindungen. Das erschwert den gesellschaftlichen Austausch und kann eine Gefahr für demokratische Strukturen darstellen.
Ebenso umstritten sind politische Forderungen, die an junge Menschen gestellt werden. In Bundestagsdebatten und Reden des Bundeskanzlers geht es häufig darum, welchen Beitrag die junge Generation für das Land leisten soll. Kritiker:innen werfen der Politik vor, ein Narrativ zu fördern, nach dem Jugendliche Deutschland im Ernstfall dienen müssten. Viele junge Menschen sehen das jedoch anders. Stattdessen stellen sie die Frage, was Deutschland ihnen selbst bietet.
„Ich bin gerade erst 18 Jahre alt geworden, hatte Probleme mit meinen Lehrer:innen und weiß noch gar nicht genau, was ich jetzt machen will. Aber einen Brief wegen der Bundeswehr habe ich schon bekommen“, sagt Muhammed. „Herrn Merz oder Herrn Scholz hat es nicht interessiert, dass ich in der Schule und draußen jeden Tag mit Rassismus zu tun habe.“
Muhammed hat vor Kurzem sein Fachabitur abgeschlossen und weiß noch nicht genau, wie es weitergehen soll. Eines ist für ihn jedoch klar: Zur Bundeswehr möchte er nicht. „Politiker fangen Kriege miteinander an und wir Jugendlichen müssen Angst davor haben, geopfert zu werden, obwohl meine Freunde und ich gegen Krieg sind. Das ist unfair. Außerdem finde ich es nicht angemessen, im Falle einer Wehrpflichtverweigerung ein Bußgeld zu verlangen. Mit welchem Geld soll ich das denn bezahlen?“, sagt der 18-Jährige.
Bei einer Studie mit rund 80 Oberstufenschüler:innen an der Ernestinenschule in Lübeck zeigte sich, dass die Mehrheit der Befragten gegen eine Wehrpflicht ist. Die Schüler:innen hatten dabei die Möglichkeit, ihre Meinungen ausführlich zu begründen. Während eine Person erklärte, sie würde Wehrdienst leisten, um Familie und Freund:innen zu schützen, entgegnete eine andere, dass auch die Menschen auf der Gegenseite Familien und Freund:innen hätten. Hier zeigt sich eine eher pazifistische Sichtweise, nach der Demokratie auch dadurch geschützt wird, dass Menschen selbst über ihr Handeln entscheiden und Empathie gegenüber anderen zeigen. Gleichzeitig sehen andere den militärischen Einsatz als notwendigen Schutz demokratischer Werte an.
Diese Sichtweise wird auch durch aktuelle Werbekampagnen unterstützt. An öffentlichen Plätzen hängen Plakate mit Aufschriften wie:
„Ich mach’s für mich. Und meine Freunde. Wehrdienst machen, Frieden sichern.“
Solche Botschaften vermitteln, dass Menschen ihre Nächsten schützen sollen, indem sie selbst Dienst leisten. Werbung dieser Art erscheint nicht nur auf Plakaten, sondern auch in Werbevideos im Kino oder Fernsehen. Gerade auf junge Menschen kann das eine starke Wirkung haben. Die Bundeswehr wird dabei häufig modern, spannend und gemeinschaftlich dargestellt, wodurch gezielt Jugendliche angesprochen werden sollen, die sich nach dem Schulabschluss noch orientieren.
Krieg ist für junge Menschen heute nicht mehr nur ein Ereignis aus Geschichtsbüchern oder den Abendnachrichten. Durch soziale Medien ist er zu einem dauerhaften Bestandteil ihres Alltags geworden. Zwischen Unterhaltung, Schule und Freundschaften erscheinen täglich Bilder von Zerstörung, Flucht und Angst. Eine Generation, die eigentlich mit dem Gefühl von Frieden aufwachsen sollte, wird permanent mit Krisen und Konflikten konfrontiert. Während politische Debatten über Aufrüstung und Wehrpflicht lauter werden, wächst bei vielen Jugendlichen das Gefühl von Unsicherheit und Zukunftsangst. Die Frage ist deshalb nicht mehr nur, wie Kriege geführt werden, sondern auch, wie eine Generation mit der ständigen digitalen Nähe zu ihnen umgehen soll.
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Mehrheit-der-Jugendlichen-gegen-Wehrpflicht,wehrdienst114.html
ttps://page-online.de/kreation/ich-machs-fuer-mich-und-meine-leute-die-neue-bundeswehr-kampagne/
https://www.sueddeutsche.de/medien/bundeswehr-verteidigung-werbung-lux.hnNujfr6swxxwobkVx3jV?reduced=true