„Um die Integrität weltweiter Sportveranstaltungen zu schützen, empfiehlt die IOC-Exekutive, dass internationale Sportverbände und -Veranstalter die Teilnahme russischer und belarussischer Athleten und Offizieller an internationalen Wettbewerben nicht erlauben“ – Internationales Olympisches Komitee (IOC)

 

„Auch der Sport muss seiner Verantwortung nachkommen und entsprechende Einschränkungen in Kauf nehmen“ – Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB)

„Was!?“, schreien die einen daraufhin. Wie könne es denn sein, dass russische Sportlerinnen und Sportler nur aufgrund der schweren Kriegsverbrechen der russischen Regierung  im Ukraine-Krieg ausgeschlossen werden? Die Bevölkerung sei doch nicht daran Schuld, welche grausame Zustände die Ukraine durch die russische Armee gerade erfahre und wie viele Menschen tagtäglich um ihr Leben bangen und Sorge haben, ihre Familie vielleicht niemals wiedersehen zu können. Daran sei doch weder die Bevölkerung, geschweige denn der Sport schuld! Ist doch bloß ein Wettkampf!

Oder etwa nicht?

Die anderen applaudieren und befürworten die Entscheidung der Sportverbunde. Als Zeichen der Solidarität müsse auch im Sport ein radikales Zeichen gesetzt werden, Russland müsse folgenschwer spüren, welche Konsequenzen das Handeln der Regierung hat. Dabei wird jedoch keine Rücksicht darauf genommen, wen diese Entscheidung trifft. Ist dies überhaupt von Wichtigkeit? Im Folgenden gehe ich auf diese beiden Seiten ein, versuche diese unparteiisch zu beleuchten und stelle mir dafür die Fragen: Ist es legitim, russische Sportlerinnen und Sportler aus Wettkämpfen und jeglichen Sport-Turnieren auszuschließen? Ist es vertretbar, moralisch sowie politisch und was sind die Folgen bzw. bringt es überhaupt etwas? Beginnen wir mit der zuerst genannten Seite, die behauptet, es wäre nicht in Ordnung, russische Sportlerinnen und Sportler auszuschließen.

„Die Entscheidung hat einen eindeutig diskriminierenden Charakter und schadet einer großen Zahl von Sportlern, Trainern, Angestellten von Vereinen und Nationalmannschaften und vor allem Millionen von russischen und ausländischen Fans, deren Interessen die internationalen Sportorganisationen in erster Linie schützen müssen“ – Russischer Fußballverein

Ein Argument hierfür lautet, die russische Bevölkerung hätte nichts mit den Machenschaften ihrer Staatsmacht zu tun und würde somit diskriminiert werden. (Nun ist hier jedoch zu hinterfragen, inwiefern das Ausschließen der Sportlerinnen und Sportler als diskriminierend bezeichnet werden kann/darf, wenn es sich um ein repräsentiertes Land handelt, welches einen Krieg angefangen hat.) Weiter wird beklagt, dass diese Entscheidung auch die Fans des internationalen Sportes betrifft und somit die Prioritäten stark verschoben werden würden. Die russische Bevölkerung würde so ihre Sporthelden verlieren und dies wird als äußerst ungerecht angesehen. Ein weiteres Argument ist das Ende der Karrieren der Sportlerinnen und Sportler. Sie haben sich ihr Leben lang auf Olympia oder sonstige Wettkämpfe vorbereitet und haben ihr Leben dem Sport zugeschrieben und plötzlich wird ihnen die Teilnahme verwehrt. Für viele bricht dadurch sicherlich eine Welt zusammen, ganze Träume sind nun verbaut, vielleicht nie mehr zu erreichen. Sport solle für die Zuschauerinnen und Zuschauer Unterhaltung und für Sportlerinnen und Sportler ein Beruf sein, so wird unter anderem argumentiert.

„Wir möchten damit unsere Solidarität mit dem ukrainischen Verband und dessen Athleten ausdrücken“ – Chef des Orientierungslauf-Weltverbandes (IOF)

 

„Diese Entscheidung haben wir getroffen, um den Werten der IOF gerecht zu werden, die der Kern unseres Sports sind. Die Situation verlangt von uns außergewöhnliche Maßnahmen, um den Weg zum Frieden zu unterstützen.“ – Chef des Orientierungslauf-Weltverbandes (IOF)

Beleuchtet man nun die Gegenseite, findet sich das Argument, dass der Ausschluss ein Zeichen für die russische Bevölkerung sei, dass die Politik, die ihr Land betreibt, von vielen anderen Ländern als fragwürdig deklariert wird. Hier ist allerdings die Frage, inwiefern die Bevölkerung wirklich über das Geschehen Bescheid weiß. Dazu ist allgemein bekannt, dass Russland ganz offenbar Vokabular ersetzt, um so ihr Handeln zu beschönigen, wie zum Beispiel, dass sie ihr Land „verteidigen“ würden, statt einen Krieg begonnen zu haben. Doch auch die Geschichte wird verändert, sodass Russland besser dasteht, als das Land eigentlich war und ist. Es werden Bücher veröffentlicht, die Stalin, einen ehemaligen Diktator der Sowjetunion, als Vorbild darstellen und sein Handeln gutheißen. Neben der Bevölkerung spielt allerdings auch der russische Präsident Wladimir Putin eine Rolle. Dieser schmückt sich gerne mit den Errungenschaften seiner Sportlerinnen und Sportler. So würde man ihm dies wegnehmen und dadurch einen Teil seines Stolzes, der ihm sehr wichtig ist. So sagt der Sportsoziologe und Professor Gunter Gebauer folgendes:

„Der politische Gewinn, der durch sportliche Erfolge von herausragenden Athleten und Athletinnen entsteht, ist auf symbolpolitischer Ebene ein ganz bedeutender Gewinn. Materiell nicht, aber Politik besteht zu großen Teilen auch aus symbolpolitischen Elementen.“

Abschließend wäre noch eine Frage zu klären, um diese Erläuterung der zwiegespaltenen Thematik zu vervollständigen:

Gibt es eine Lösung?

Es ist möglich, bei Wettkämpfen kein Land zu vertreten, also „neutral“ zu sein. Wenn dies jedoch die Voraussetzung für russische Sportlerinnen und Sportler sei, würde dies die Frage dann bejahen? Oder wäre es nicht noch viel dreister, den Teilnehmenden ein solches Ultimatum zu stellen: „Entweder ihr werdet neutral oder ihr tretet gar nicht erst an.“ Oder sollten jene teilnehmen dürfen, die ihren Gewinn an die Ukraine spenden wollen? (Andrej Rublew hat dies behauptet, jedoch wird davon ausgegangen, dass er die Aussage nur tätigte, um dem Ausschluss zu entgehen.) Alles in allem ist es zweifellos ein kritisches Thema und die Meinungen werden sicherlich weiterhin gespalten bleiben. Somit lässt sich wohl noch keine klare Lösung festlegen. Jedoch ist eine Sache ganz entscheidend, an die zu denken ist: Sport ist alles andere als unpolitisch, geschweige denn unparteiisch! Vielleicht liegt ja hier schon das eigentliche Problem? Oder doch nicht? Es könnte sich lohnen, das gesamte Thema zu beleuchten und zu hinterfragen, inwiefern ganz Olympia kritisch gesehen werden kann. Schließlich ist der Ukraine-Krieg nicht das Einzige, was für riesigen Wirbel in den Kreisen sportlicher Wettkämpfe gesorgt hat. Kommen wir nun also zum letzten Abschnitt meiner kritischen Auseinandersetzung: Welche Skandale haften an Russland im Bereich Olympia und anderen Sport-Wettkämpfen noch, auch außerhalb der Russland-Ukraine-Thematik?

Um chronologisch vorzugehen, starte ich mit den häufigsten Vorfällen, die für viele wahrscheinlich nicht einmal mehr verwunderlich sind: Die Doping-Fälle. 2014 wurde bei den olympischen Winterspielen bekannt, dass einige Vertreter:innen Russlands gedopt waren. Dies fand ein Sonderermittler der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur) heraus. Dazu kommt, dass bestätigt wurde, dass Russland der WADA gefälschte Labordaten überliefert hat, die das Doping verschleiern sollten. Doch das ist noch lange nicht alles, auch im russischen Schwimm- sowie Tennissport kommt es zu Doping-Vorfällen. So sind seither 23 Fälle russischer Schwimmsportlerinnen und -sportler bekannt und im Tennissport wurde Maria Sharapova im Jahr 2016 positiv auf Meldonium getestet. (Hierzu muss jedoch erwähnt werden, dass Maria Sharapova behauptet nicht gewusst zu haben, dass dieses Medikament zum Zeitpunkt ihrer Teilnahme am Wettkampf auf der neuen Liste der verbotenen Substanzen stand. Schließlich hätte sie dieses schon viele Jahre zuvor eingenommen.) Zu erkennen ist nun also, dass Russland vor dem gerade wütenden Krieg bei weitem nicht unschuldig war und aus bereits gemachten Fehlern nie wirklich gelernt hat. Vorzustellen ist, dass all diese vergangenen Skandale vielleicht auch in die Entscheidung der Sportverbände zum Ausschluss russischer Sportlerinnen und Sportler beigetragen haben. Es bleibt jedoch weiterhin spannend, was die Zukunft bringen wird, denn bisher wurde Russland des Öfteren aus Wettkämpfen ausgeschlossen, jedoch nie für eine wirklich lange Zeit. Werden russische Sportlerinnen und Sportler also irgendwann wieder antreten dürfen? Wird es weitere Fälle von Doping geben und wenn ja, wie wird dagegen vorgegangen werden?

Anmerkung: Der verfasste Text enthält nicht meine eigene Meinung. Er soll lediglich ein Denkanstoß für andere sein, denn es ist sehr wichtig, zu hinterfragen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war/ist. Jedoch gibt es hier nicht nur schwarz und weiß, jeder gibt gerne seinen eigenen Senf dazu, also ist es vonnöten, sich zu informieren, um schlussendlich eine begründete Meinung zu haben. Denn eine Aussage ist nur dann glaubhaft und nachvollziehbar für andere, wenn ihr eine Begründung folgt. Überlegt euch daher bitte selbstständig, was ihr, meine Leserinnen und Leser, von dieser Thematik haltet. Würdet ihr es anders oder genauso machen oder interessiert euch das ganze überhaupt nicht, weil ihr mit Sport und Politik nichts am Hut habt? Nun, egal was ihr darauf antworten würdet, sucht euch immer Begründungen zu euren Aussagen und versteift euch nicht zu sehr auf diese. Manchmal lohnt es sich, andere Perspektiven anzunehmen und die Dinge auf andere Weise zu beurteilen.

 

Quellenverzeichnis:

https://www.dw.com/de/ioc-russische-sportler-weltweit-ausschließen/a-60947868  (Eingesehen am 5.06.22)

https://www.heute.at/s/so-wehrt-sich-russland-gegen-ausschluss-der-sportler-100193237  (Eingesehen am 6.06.22)

https://www.tz.de/sport/mehr/olympia-2016-rio-ere193340/olympia-2016-doping-russland-skandal-ioc-iaaf-zr-6647366.html   (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.nzz.ch/meinung/manipulierte-doping-daten-aus-russland-der-sport-hat-seine-chance-vertan-ld.1511914   (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/der-doping-skandal-im-russischen-schwimmen-weitet-sich-aus-14142505.html  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.focus.de/sport/tennis/von-wegen-sauberer-sport-darum-ist-maria-scharapowas-dopingbeichte-fuer-das-tennis-eine-riesen-katastrophe_id_5342486.html  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.sport.de/news/ne3084918/der-naechste-skandal-russe-unter-dopingverdacht/  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.sport.de/news/ne2997020/olympia-ausschluesse-in-der-uebersicht/  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.tz.de/sport/mehr/olympia-2016-rio-ere193340/olympia-2016-komplett-ausschluss-russischer-sportler-paralympics-zr-6643271.html  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.spiegel.de/sport/tennis/wimbledon-bosse-verteidigen-ausschluss-von-russland-und-belarus-von-turnier-a-5a71c937-1d33-403b-b8eb-f83e498848c9  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.tagesschau.de/ausland/asien/russland-propaganda-103.html  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.news.de/politik/856329795/ukraine-krieg-so-betrieb-russland-jahrelang-kriegspropaganda-osteuropaexperte-sergej-sumlenny-enthuellt-kreml-chef-wladimir-putin/1/  (Eingesehen am 16.06.22)

Beitragsbild: https://pixabay.com/images/id-3472245/  (Eingesehen am 16.06.22)

https://www.watson.de/sport/analyse/495051916-sport-sanktionen-gegen-russland-so-sehr-treffen-sie-putin-wirklich   (Eingesehen am 16.06.22)

https://learngerman.dw.com/de/ioc-russische-sportler-weltweit-ausschließen/a-60947868  (Eingesehen am 16.06.22)




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