Ein Konflikt, der nicht am 7. Oktober begann
Es kommt einem vor, als wäre es bereits ein Jahrzehnt her. Man hört kaum noch von Demonstrationen, und endlose andere Sorgen der Welt übertönen die Stimmen derer, die ihrem Leid in Palästina erliegen. Der 7. Oktober 2023 liegt nun mehr als zwei Jahre zurück, doch viele wissen bis heute nicht genau, wie die Geschichte des Nahostkonflikts eigentlich aussieht. Denn der Kampf dieser Völker ist kein neuer, und der Widerstand begann nicht erst in diesem Jahrhundert. Aber fangen wir von vorne an.
Der 7. Oktober 2023
Es ist der 7. Oktober 2023. Das Geschehen lässt die Menschen erschaudern. Mehr als 3.000 bewaffnete Kämpfer der Hamas haben Ziele in Israel angegriffen; rund 1.200 Menschen verloren dabei ihr Leben.
Unter den Opfern waren viele Zivilist:innen, darunter 36 Kinder. Größtenteils waren jüdische Israelis betroffen, doch auch beduinische Bürger:innen sowie ausländische Arbeitsmigrant:innen, Studierende und Asylsuchende befanden sich unter den Opfern. Für Zehntausende bedeuteten die Angriffe den sofortigen Verlust ihrer Heimat. Netanjahus Antwort auf den Angriff war der Beginn einer völligen Zerstörung des Gazastreifens. Durch die anhaltenden Bombardierungen mussten Hunderttausende Menschen fliehen und Schutz suchen; Zehntausende von ihnen kamen dabei ums Leben. Und das Morden hält weiterhin an.
Proteste gegen Netanjahus Regierung
Auf die Angriffe folgten Demonstrationen der Angehörigen sowie israelischer Bürger:innen. Sie forderten monatelang die Rückkehr der Geiseln. Die Demonstrierenden kritisierten die israelische Regierung scharf dafür, Waffenstillstandsangebote auszuschlagen, die eine Freilassung der Entführten ermöglicht hätten. Kritiker warfen Premierminister Netanjahu vor, entgegen dem Wohle des Volkes für den eigenen politischen Machterhalt zu handeln, während die militärische Offensive ohne Aussicht auf ein dauerhaftes und gerechtes Friedensangebot fortgesetzt wurde.
Was am 7. Oktober geschah, ist eine Tragödie. Doch dieser Tag war nicht der Beginn des Konflikts; dessen Wurzeln reichen Jahrzehnte zurück.
Der Nahost-Konflikt in der Geschichte
Die Balfour-Deklaration und das britische Mandat
Rückblick: Zweiter Weltkrieg. Millionen Jüdinnen und Juden werden in Europa in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Es herrscht eine Grausamkeit, die die Welt veränderte. Großbritannien hatte bereits 1917 mit der „Balfour-Deklaration“ versprochen, eine jüdische Heimstätte in Palästina zu unterstützen. Da das vereinigte Königreich schon nach dem ersten Weltkrieg das Mandat über Palästina übernahm, fiel es nicht schwer, diesem Versprechen nachzukommen. Infolge der Shoah und der Flucht vor den Nazis immigrierten viele Jüd:innen nach Palästina.
Die Gründung Israels und die Teilung Palästinas
Schon bald kam es zu Spannungen. Die ansässige arabische Bevölkerung war nicht auf die demografischen Veränderungen vorbereitet. Es entstanden Unruhen, während zionistische Organisationen den Aufbau eines jüdischen Staates vorantrieben. Bewaffnete Auseinandersetzungen führten zur Flucht und Vertreibung vieler Palästinenser:innen.
1947 teilten die Vereinten Nationen das Land auf: Den jüdischen Einwanderern wurden rund 55 Prozent des Landes zugesprochen, den Palästinensern 45 Prozent. Jerusalem wurde aufgrund seiner religiösen Bedeutung für beide Seiten – mit Stätten wie der Al-Aqsa-Moschee und der Klagemauer – ein Sonderstatus unter internationaler Verwaltung zugedacht.
Die Nakba
Die massivste Zäsur geschah jedoch 1948: Bei der sogenannten Nakba („Katastrophe“) wurden mehr als 750.000 Palästinenser:innen vertrieben. Dies war die Konsequenz daraus, dass der vorgesehene Teilungsplan zwar von den Jüd:innen angenommen, von den arabischen Staaten jedoch abgelehnt wurde. Im Sechstagekrieg 1967 besetzte Israel zudem das Westjordanland, den Gazastreifen und Ostjerusalem. Die Rechtmäßigkeit dieser Aktion wird nach internationalem Recht weitgehend bestritten, da die Besetzung nicht klar gerechtfertigt werden kann. Zu diesem Zeitpunkt wurden weitere 300.000 Palästinenser:innen in die Flucht getrieben.
Besatzung, Oslo und das Scheitern des Friedens
Obwohl die „Oslo-Abkommen“ 1993 Hoffnung auf Frieden machten, scheiterte der Prozess. Der fortlaufende Bau illegaler israelischer Siedlungen erschwerte eine Zweistaatenlösung zunehmend. Zwischen 2008 und 2023 blieb die Lage angespannt, auch wenn sie in Europa oft aus dem Fokus geriet. Heute sind die Zahlen erschütternd: Die Opferzahlen in Gaza und der Westbank sind massiv gestiegen, Zehntausende sind verletzt, und laut Hilfsorganisationen leiden unzählige Kinder an schwerer Mangelernährung.
Eine humanitäre Katastrophe
Journalist:innen berichten vor Ort von Hunger, Seuchenrisiken und einem Alltag mit unregelmäßigen Lieferungen von Hilfsmitteln, wobei jeder Tag eine weitere Suche nach Nahrung bedeutet, die nicht selten scheitert. Hilfsorganisationen warnen insbesondere vor den Folgen für Kinder: Mangelernährung, Krankheiten und fehlende medizinische Versorgung bedrohen eine ganze Generation.
Viele Palästinenser:innen erleben seit Generationen ein Leben ohne politische Selbstbestimmung, Sicherheit oder verlässliche Perspektive. Während internationale Institutionen und der Internationale Gerichtshof vor Völkerrechtsverletzungen und der Gefahr eines Genozids warnen, bleibt eine politische Lösung fern.
Deutschlands Verantwortung
Deutschland sieht sich aufgrund der historischen Verantwortung für den Holocaust in einer besonderen Pflicht gegenüber Israel. Doch stellen sich die Fragen: Sind wir den Frieden nicht auch denjenigen schuldig, die als indirekte Konsequenz dieser Geschichte heute leiden müssen? Zu oft wird in der Politik gewichtet, welche Leben entbehrlicher sind.
Verantwortung sieht nicht vor, Menschen zu schaden oder sich ohne Grenzen an die Seite des Peinigers zu stellen.
Kinder, Jugendliche und Eltern haben am Gazastreifen eines gemeinsam: Sie alle werden nicht als Individuen angesehen, sondern als das leidende Volk. Kaum einer betrachtet die Menschen dort noch anhand ihrer Charakteristika, ihrer Besonderheiten oder dessen, was sie zu sagen haben. Dabei erzählt Palästina so viel über den aktuellen Zustand unserer Welt.
Die Frage ist: Wer ist bereit, zuzuhören?
Wenn Sprache Leid unsichtbar macht
Die Diskriminierung der Juden hat nicht mit dem zweiten Weltkrieg angefangen und eine bedingungslose Unterstützung Israels wird nicht dafür sorgen, dass Kriege und Leiden endet. Ihr Leid wird auf eine entwürdigende Art dafür missbraucht, das Töten von Unschuldigen zu rechtfertigen und das ist etwas, dem Nonprofit Organisationen, wie die B´Tselem entgegenwirken möchten. Dabei wird die Narrative runter gebrochen, dass in Palästina ausschließlich Terroristen getötet werden. Auch wird eine Thematik dabei wieder in den Vordergrund gestellt: Wenn ziviles Leid zur statistischen Randnotiz wird, verliert Sprache ihre Menschlichkeit.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/features/2026/2/18/gaza-death-toll-exceeds-75000-as-independent-data-verify-loss [letzter Zugriff: 20.05.2026]
https://www.aljazeera.com/news/2024/10/7/israel-marks-a-year-of-deadly-hamas-led-october-7-attack [letzter Zugriff: 20.05.2026]
https://www.amnesty.de/aktuell/israel-hamas-angriffe-7-oktober-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit [letzter Zugriff: 20.05.2026]
https://l1nq.com/oq8qg1k [letzter Zugriff: 19.06.2026]
https://costsofwar.watson.brown.edu/paper/HumanTollGaza [letzter Zugriff: 20.05.2026]
https://taz.de/Krieg-in-Gaza/!6169389/