Ich bin eine gesellige Person, jemand, der gerne mit anderen zusammen ist.
Jemand, der gerne zuhört und erzählt. Mein Kopf ist ein Unterschlupf für Geschichten, von Freunden und Bekannten.
In jeder Ecke steht eine Person, erzählt ihre Geschichte und ich? Ich höre zu.

Ich bin eine gesellige Person, ich erzähle gerne von Feiern und Feten, von Ausflügen und gemeinsamen Stunden.
Sie füllen meinen Kopf, den Unterschlupf aller Geschichten. Er besteht aus verschiedenen Türen. Ich betrete die erste:

Laute Musik, tanzende Menschen und der durchdringende Bass macht sich in meinem Körper breit. Erst leise und dann immer stärker ertönt es „Adrenalin, Adrenalin, Adrenalin“. Es ist warm, ich stehe draußen, mich umgeben tausende Menschen. Es ist 2018 und ich bin auf dem Lollapalooza in Berlin. Alkohol werden meine Freundinnen und ich die Tage über nicht trinken, das Adrenalin, die Musik sie reichen aus, um uns tanzen zu lassen. Die Sonne brennt, es sind bestimmt 28 Grad. Hitze. So langsam wird mir zu warm, ich gehe zur Tür und schließe sie hinter mir. Eine schöne Erinnerung.

Ich gehe in die nächste Tür, eine warme Luft weht mir entgegen. Ich steige aus einem Flugzeug: Mallorca, auch 2018. Die Wärme umhüllt mich und ich gehe weiter, weiter in Richtung Meer. Das Wasser glänzt und die Sonnenstrahlen verzaubern die Wasseroberfläche in eine glitzernde Landschaft. Plötzlich sitze ich auf einem Boot, um uns herum nur das Meer unglaublich klar, so dass der Grund zu sehen ist. Einer Freundin geht es nicht gut. Schiffe und Boote sind nicht ihre Lieblingssache. Ein Schmerz durchfährt mich: Sonnenbrand, so schnell? Ich bin verdutzt und gehe deswegen lieber schnell aus der Tür. Die Wärme ist weg und ich nähere mich der nächsten Tür.

Doch ich halte Inne, möchte ich die nächste Erinnerung auf mich einwirken lassen? Mich daran erinnern, dass die schönen Momente so lange zurückliegen. Ich warte und zögere. Es ist als ob all die Geschichten in der Pandemie auf mich einprasseln, mein Kopf mir die schönsten Erinnerungen hervorholt und sie zugleich wieder kaputt macht, mir die Realität vor Augen hält und zeigt, dass es momentan keine Geschichten zu erzählen gibt.

Ich habe die Klinke der Tür wieder in der Hand, spüre das kalte Metall auf meiner Haut und doch lasse ich sie los. Andere Gedanken kommen herbei. To-Do-Listen umgeben mich und anstatt die nächste Erinnerung anzuschauen, werde ich in die Realität zurückgeholt. Ich sitze am Schreibtisch, mein Kalender ist voll und mein Kopf ist nun nicht mehr ein Unterschlupf meiner Erinnerungen, sondern mein Wecker. Die Taste steht ständig auf Schlummer – alle paar Minuten werde ich erinnert. Daran, was ich noch machen muss, was noch nicht abgehakt ist, was ich nicht geschafft habe, zu erledigen.

Der Unterschlupf in meinem Kopf ist zu voll, zu überladen und jeder Gedanken fühlt sich an wie eine zu schwere Last. Die gesellige Art schwindet und zieht sich zurück. Zeit alleine. Meine Erinnerungen alleine betrachten und meinen Kopf leeren. Zimmer ausräumen und die Türen öffnen, für neue Erinnerungen. Die noch warten müssen, aber hoffentlich bald kommen.

Ich bin eine gesellige Person, doch momentan auch gerne allein. Die Gesellschaft ist momentan sehr viel allein, doch vielleicht schafft sie Platz, um Erinnerungen, die kommen, wieder neu aufzunehmen. Mit einem Lächeln zu empfangen und zu verstehen:
Es ist okay, allein zu sein. Es ist okay, nicht alles zu können. Es ist okay, nachzugeben. Ich bin okay.




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