Es gibt viele Themen, worüber sich einzelne Menschen in der Gesellschaft nicht einig werden und über die immer wieder diskutiert wird. Besonders im Bereich der Menschenrechte, wie Freiheit, Gleichheit und Toleranz, wird häufig noch diskutiert. Wie erreichen wir als Gesellschaft solche Ziele? Woran hapert es an der Umsetzung von Maßnahmen, die solche Werte und Rechte fördern und festigen? Und eben durch Meinungsverschiedenheiten kommt noch ein anderes Problem auf: Was machen wir mit den Menschen, die diese Werte nicht unterstützen? Wie gehen wir mit ihnen um? Schließlich wird es, egal um welches Thema es geht, immer Kritiker:innen und Befürworter:innen geben, Menschen, die sich dafür einsetzen und Menschen, die sich konsequent dagegen stellen. Und es gibt seit mehreren Jahrzehnten kaum ein Thema, das mehr umstritten ist: Schwangerschaftsabbrüche (oder umgangssprachlich auch Abtreibungen genannt).

Die gesellschaftlichen Erwartungen

„Man muss einen wesentlichen Grund mit einbeziehen: den Kinderwunsch. Mehr als 70 Prozent der Frauen haben nie in ihrem Leben, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, den Wunsch verspürt, eine Familie zu gründen“

– Annkatrin Heuschkel (Wissenschaftlerin)

Auch in unserer heutigen Gesellschaft wird man von vielen noch schockiert angesehen, wenn man erzählt, dass man keine Kinder haben möchte. Sätze wie „Du weißt gar nicht, was du verpasst!“ , „Du bist noch jung, das wird sich bald ändern.“ oder „Das wirst du später bereuen“ sind da nicht selten Teil der Reaktion des Umfeldes. Denn es wird heute noch immer als typisch angesehen, dass man (besonders als Frau) irgendwann einen Kinderwunsch entwickelt. Das führt dazu, dass sich besonders junge Menschen überhaupt nicht ernst genommen, geschweige denn akzeptiert fühlen. Selbst wenn die Personen später Kinder haben möchte, aber erstmal nicht in naher Zukunft, weil die äußeren Umstände einfach noch nicht passen – weil sie sich noch in der Ausbildung befindet, Karriere machen möchte oder andere, eigene Pläne haben – hört das Nachfragen von Familie, Bekannten und co. oft nicht auf. Somit entsteht bei den Betroffenen oft ein hoher Druck. Ganz egal, was die eigenen Pläne oder äußeren Umstände sind: es gibt genügend verschiedene Gründe, weshalb sich Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Dieses Thema ist sehr sensibel, von der Gesellschaft nicht gut angesehen, mit einer gewissen Scham behaftet und es wird heute leider noch viel zu sehr tabuisiert. Allein, weil jährlich rund 100.000 Frauen allein in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, sollte diese Tabuisierung allmählich ein Ende finden.

 Zahlen, Fakten & Vorurteile

Zuallererst: Die Zahl der Abtreibungen wird weltweit auf mehr als 40 Millionen pro Jahr geschätzt. 39% der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen Abtreibungen innerhalb einer bestimmten Zeit oder ohne zeitliche Begrenzung gesetzlich erlaubt sind. Jedes Jahr sterben weltweit zehntausende Frauen bei oder an den Folgen illegaler Schwangerschaftsabbrüche. Eine Studie der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität aus dem Jahr 2019 schätzt, dass allein in Nigeria jährlich mehr als 6.000 Frauen bei dem Versuch, eine Schwangerschaft zu beenden, ihr Leben verlieren.

Bereits im Juni 2021 stufte das EU-Parlament Abtreibungen mehrheitlich als Menschenrecht ein. Damit verpflichten sich die EU-Staaten praktisch zum Handeln und Garantie von legalen Schwangerschaftsabbrüchen. Wenn man meint, diese Eingriffe würden besonders junge Frauen durchführen, sagen die Zahlen etwas anderes. Im Jahr 2021 gab es insgesamt 94.596 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. 4.040 davon betrafen 18- bis 20-jährige Frauen , bei den 25- bis 30-jährige Frauen sind es mehr als fünffach so viele. Dass bei den 30-bis 45-jährigen Frauen die Zahl der Abbrüche knapp ein Drittel der Gesamtzahl ausmacht, lässt sich womöglich darauf zurückführen, dass eine Schwangerschaft mit zunehmenden Alter immer riskanter wird – sowohl für die Frau, als auch für das Ungeborene. So steigt das Risiko für eine Fehlgeburt deutlich, aber auch für lebensbedrohliche Komplikationen, wie einem Schock mit schwerer Kreislaufstörung, einer Fruchtwasserembolie oder Nierenversagen. Ebenso ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass es mehr Schwangerschaftsabbrüche gibt, wenn diese legalisiert sind. Bereits im Jahr 1976 konnten Frauen in der Bundesrepublik Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Voraussetzungen durchführen lassen. Im Jahr 1996 wurden 130.899 Abtreibungen registriert, das bisher verzeichnete Maximum liegt bei 134.964 Abbrüchen im Jahr 2001. Seitdem ist die Anzahl der Eingriffe deutlich zurückgegangen: im Jahr 2021 gab es „nur noch“ 94.596 Abtreibungen in Deutschland. Für das Jahr 2022 gibt es jedoch seit längerem wieder eine leicht steigende Tendenz, da die veröffentlichten Zahlen zu bisher drei Quartalen höher sind, als die des Vorjahresquartals. Im dritten Quartal von 2022 waren es knapp 4.000 mehr Abbrüche als im dritten Quartal von 2021. Des Weiteren geht die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht zurück, wenn diese verboten werden, da zum Beispiel Frauen in Notsituationen dann alleine versuchen einen solchen Eingriff durchzuführen, der viel riskanter ist und oft tödlich endet. Somit bewirkt ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen nur, dass sich mehr unbeaufsichtigte und gefährliche Abbrüche ergeben, womit sich die Allgemeinsituation nicht verbessert. Außerdem stellt der Zwang, eine Schwangerschaft gegen den eigenen Willen weiter zu führen, eine deutliche Menschenrechtsverletzung dar. Um den moralischen und ethischen Teil dieser Diskussion mit aufzugreifen: In Deutschland und anderen EU-Staaten gibt es eine Art „Kompromiss“, die sogenannte Fristenregelung. Diese besagt einfach nur, dass eine Abtreibung nicht unbegrenzt und straffrei möglich ist. Aber wie weit die Frist gesetzt wird und welche anderen Bedingungen es gibt, das können die einzelnen Staaten selbst entscheiden. Die Fristenregelung wurde in vielen Staaten eingeführt, um auch ethische Aspekte zu berücksichtigen, da viele Kritiker betonen, dass es sich bei einem Embryo bzw. Fötus um ein „richtiges“ menschliches Lebewesen handle, welches auch Schmerzen empfinden kann, und somit wäre ein Abbruch ein Mord. Es wurde nachgewiesen, dass ein Embryo erst ab ungefähr der 12. Woche Schmerzen empfinden kann, weshalb man in Deutschland bis zur 12. Woche straffrei einen Schwangerschaftsabbruch durchführen darf, sofern ein Beratungsgespräch mit einer anschließenden Bedenkzeit von mindestens drei Tagen wahrgenommen wurde. Zuvor wurde angenommen, dass sich das Schmerzempfinden des Embryos erst ab der 20. Woche entwickelt, doch dort sei man sich uneinig.

Spaltung: die einen machen Fortschritte, die anderen eine Reise in die Vergangenheit

„Das ist absurd, das ist aus der Zeit gefallen, das ist ungerecht und deshalb beenden wir diesen Zustand.“

– Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP)

 

„Heute ist ein guter Tag für die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland – und erst recht für die Frauen in unserem Land.“ – Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grünen)

Seit den 1970er Jahren setzen sich feministische Bewegungen in Deutschland immer wieder für die Abschaffung von zwei Paragrafen ein: §218, dem Abtreibungsverbot, und §219a. Der schon lange umstrittene §219a im Strafgesetzbuch wurde nun endlich im Juni 2022 abgeschafft. Dieser legte das Werbeverbot von Schwangerschaftsabbrüchen fest und Ärzt:innen konnten dadurch jahrzehntelang keine ausführlichen Informationen über Schwangerschaftsabbrüche öffentlich anbieten, ohne eine strafrechtliche Verfolgung zu befürchten. Somit können sich Frauen jetzt darauf verlassen, dass sie sachkundig beraten und unterstützt werden und nicht irgendwelche Falschinformationen von Verschwörungstheoretiker:innen aufschnappen. Der nun abgeschaffte Paragraf wurde damals von den Nationalsozialisten wegen der Kriminalisierung jüdischer Ärzt:innen und der damals propagierten „Rassen“- und Bevölkerungspolitik im Jahr 1933 eingeführt, hat seine Ursprünge aber schon in der Weimarer Republik. Allein der Fakt, dass es knapp 100 Jahre gebraucht hat, bis der §219a wieder aus unserem Strafgesetzbuch verschwindet, ist schon irgendwie ironisch und paradox. Denn: Deutschland versucht seit Jahrzehnten zu beweisen, dass es sich zu einer modernen Industrienation weiterentwickelt und nichts mehr mit dem Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus gemeinsam hat. Es war also höchste Zeit, dass in Anbetracht unserer gesellschaftlichen Entwicklung auch dieses veraltete Verbot aufgehoben wird. Und viele sehen diesen Erfolg nun als einen motivierenden Anfang, um für weitere Veränderungen zu kämpfen und zu demonstrieren, die den Frauen verschiedener Nationen zugute kommen.

„Es sieht so aus, als würden wir Geschichte schreiben.“

-Leo Varadkar (irischer Premierminister)

Während wir in Deutschland diesen Triumph nach jahrelangen Protesten feiern, gibt es aber nicht in allen europäischen Ländern diese Regelungen. In Österreich darf man nach einer Beratung bis zur 16. Woche eine Schwangerschaft abbrechen, in den Niederlanden ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 22. Woche erlaubt und in Frankreich ist ein Schwangerschaftsabbruch seit 1975 bis zur 14. Woche legalisiert; ebenso soll das Recht darauf in der Verfassung aufgenommen werden: das französische Parlament hat bereits zugestimmt, es ist aber noch die Zustimmung des Senats notwendig sowie ein Referendum, welches anschließend abgehalten werden muss. In Irland sind Abtreibungen seit dem Referendum im Jahr 2018 erlaubt, davor waren Schwangerschaftsabbrüche jahrzehntelang eine Straftat. Und auch in Spanien sind Erfolge zu sehen: nach der Reform im Jahre 2022 ist ein Schwangerschaftsabbruch dort eine rechtlich garantierte und kostenlose Gesundheitsleistung, wo nun auch Minderjährige ab 16 Jahren ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten einen Abbruch innerhalb der ersten 14 Wochen durchführen lassen können.

„Frauen haben in Polen heute weniger Rechte als 2004, als das Land der EU beigetreten ist. Das dürfen wir nicht akzeptieren.“ – Robert Biedro (Vorsitzender des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter)

In Malta jedoch sieht es ganz anders aus: Malta ist das einzige EU-Land, in dem Schwangerschaftsabbrüche unter keinen Umständen durchgeführt werden – nicht einmal, wenn sich die Frau in Lebensgefahr befindet und daran wird sich sehr wahrscheinlich auch erstmal nichts ändern, da die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Auflockerung des Gesetzes ist. Auch in Polen ist es seit 2020 nahezu unmöglich, einen Schwangerschaftsabbruch legal durchführen zu lassen und laut Recherchen des EU-Parlamentes hat diese Verschärfung mindestens sechs Frauen das Leben gekostet, die einen Abbruch gebraucht hätten, um zu überleben.

„Der einzige sichere Weg, diese extremistischen Gesetze zu stoppen, die die Gesundheit und Rechte von Frauen gefährden, ist, dass der Kongress ein (Bundes-) Gesetz verabschiedet.“

– US-Präsident Joe Biden

Was letzten Sommer in den Vereinigten Staaten passiert ist, hat sich wie ein Lauffeuer durch die Medien verbreitet. Zahlreiche Beiträge lassen sich in den sozialen Medien zu dem Urteil des Supreme Courts finden. Paradoxerweise wurde das Urteil für die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in den USA genau an dem Tag getroffen, an dem der Bundestag in Berlin den §219a abschafft. Es scheint nun wirklich so, als ob sich auf der anderen Seite des Atlantiks eine andere Welt befindet. Seit dem Urteil liegt die Macht wieder in den Händen der einzelnen Staaten über das Abtreibungsgesetz zu entscheiden – und einige von denen haben schärfere Gesetze oder sogar ausnahmslose Verbote angekündigt oder schon bereits umgesetzt. Zahlreiche Proteste haben weltweit Aufmerksamkeit erregt und die Stimme der Menschen, die für „pro choice“ stehen, ist besonders laut geworden. Denn eine Sache ist glasklar geworden: Es geht nicht darum, ob man selbst so einen Abbruch durchführen würde, sondern ob diese Möglichkeit anderen Frauen offen gehalten werden soll. Aus diesem Grund wurden die Anhänger von „pro life“ kritisiert, sie sollten sich in „anti choice“ umbenennen. Doch inmitten dieser Rückschritte in den Vereinigten Staaten bietet Präsident Biden Hoffnung auf Besserungen: Sollte seine Partei in diesem Jahr eine ausreichende Mehrheit haben, werde er dem Kongress als erste Amtshandlung 2023 einen Gesetzesentwurf vorlegen, der das Recht auf Abtreibung bundesweit schützt. Doch ob ihm das gelingen wird, ist fraglich. Mehrmals sind die Demokraten seit Juni 2022 mit einem Bundesgesetz zum Recht auf Abtreibung gescheitert, da ihnen die notwendige Mehrheit im Senat fehlt. Das dürfte sich auch nach den Kongresswahlen kaum ändern. Es ist also derzeit unsicher, ob sich die Situation in den USA für die Frauen verbessern wird.

Fazit

In jedem Land auf dieser Welt gibt es unterschiedliche Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche; von einer legalen, zeitlich begrenzten Möglichkeit eines Abbruchs bis hin zu einem absoluten Verbot ohne Ausnahmen, ist alles dabei. Selbst unter den Industrienationen gibt es verschiedene Wege, wie mit diesem Thema umgegangen wird. Jahrzehntelange Demonstrationen erreichen schlussendlich manchmal doch ihr Ziel: dass sich etwas verändert, wovon die Mehrheit profitieren kann. Doch wie schnell diese hart erkämpften Veränderungen wieder aufgelöst werden können, kann man anhand des Beispiels der USA oder an Polen gut erkennen. Da man es nicht jeder Stimme im Volk recht machen kann, wie bei vielen anderen Themen auch, wird es immer Kritik für eine Entscheidung geben. Aus diesem Grund macht es durchaus Sinn, als Staatsoberhaupt eine Entscheidung zu treffen, die der Mehrheit zusagen würde. Oder noch besser: die Bevölkerung selbst abstimmen zu lassen. Wie bei vielen anderen Dingen auch, kann sich noch so einiges in diesem Bereich über die Jahre ändern: Staaten überarbeiten ihre Regelungen, schaffen alte Gesetze ab und ersetzen sie durch neue. Was letztendlich die „bessere“ Entscheidung ist, das liegt letztendlich im Bereich der persönlichen Meinung und muss jede:r für sich selbst entscheiden.

Persönliche Einschätzung

Ganz gleich, ob man selbst einen Schwangerschaftsabbruch durchführen würde oder nicht, eine Sache muss immer bedacht werden: Selbst wenn diese Schwangerschaft das Leben der Frau nicht bedroht, so trägt sie doch ihr Leben lang Verantwortung für dieses Kind. Nicht jedes Elternteil kann diesem Kind ein schönes, sorgloses und kindgerechtes Leben garantieren. Genau deshalb ist es wichtig zu beachten, dass besonders die ersten vier Lebensjahre eines Kindes prägend für späteres Verhalten und auch spätere Beziehungen sind. Da die Babyklappe sowie anonyme Geburten in Deutschland nicht legal sind, bleibt einem hier nur noch die Option das Kind zur Adoption freizugeben, wenn sich die Frau gegen einen Abbruch, aber auch gegen das Leben mit dem Kind entscheidet. Auch da kann nicht garantiert werden, ob dieses Kind in diesen Familien ein „besseres“ Leben genießen kann.

Dieses Gedankenspiel kann man ewig lang fortführen, der springende Punkt jedoch ist: die betroffene Frau sollte erst einmal die Möglichkeit erhalten, sich irgendwie entscheiden zu können. Sie sollte nicht in ein anderes Land fahren müssen, damit sie nicht strafrechtlich verfolgt wird, weil sie ihr Leben retten möchte und ihr die Hilfe im eigenen Land schlichtweg nicht gegeben wird. Sie sollte sich nicht gezwungen sehen so einen Abbruch selbst durchzuführen, weil die Ärzt:innen ihr die Hilfe verweigern und sie somit ihr Leben aufs Spiel setzt. Egal was für äußere Umstände es sind: jede Frau sollte das Recht darauf haben, entscheiden zu können, was mit ihrem Körper und ihrem Leben passiert.

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