„Zyprexa“ heißt eines der Gedichte aus dem Buch „Gedichte und Illustrationen“ von Valeria Liebermann, illustriert von Sascha Skotschilenko. Zyprexa ist ein Medikament, das zur Behandlung von Schizophrenie und bipolaren Störungen eingesetzt wird. Es ist oft schwer verträglich, macht müde und benommen. Das Mädchen, das Zyprexa nimmt, „träumt ihre rosa Träume“, und „spielt mit dem Spiegelbild/da draußen“. Wie hinter Watte zieht die Welt an Psychiatrieinsass:innen vorbei, lässt sie aus der Zeit fallen, in diese rosafarbenen Träume. Dabei braucht es oft auch lange, bis man überhaupt wieder träumen kann.

Valeria Liebermann ist eine jüdisch-ukrainische Lehrerin aus Halle. Sie migrierte mit ihrer Familie 2004 nach Deutschland. 2020 erschien ihr erstes Buch „Kurzgeschichten aus der Psychiatrie“, gleich darauf folgte „meine (nicht) jüdischen Geschichten“. Trotz ihrer psychischen Erkrankung absolvierte sie ihr Studium erfolgreich, mit Auslandssemestern in Moskau und Novi Sad (Serbien).

Die russische Künstlerin und Musikerin Sascha Skotschilenko wurde international bekannt, als sie 2022, nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine, anstelle von Preisauszeichnungen Antikriegsbotschaften in einer Supermarktfiliale platziert hatte. Sie wurde durch die Videoaufzeichnungen des Supermarktes überführt, nachdem eine Rentnerin den Vorfall bei der Polizei gemeldet hatte. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde verhandelt, bis 2023 das Urteil gesprochen wurde: sieben Jahre Straflager. Da Sascha Skotschilenko in der Haft unter starken, gesundheitlichen Problemen litt, weil sie dort nicht ausreichend medizinisch versorgt und mangelhaft ernährt wurde, richteten über 100 Ärzt:innen und mehrere NGOs einen Appell an Putin, sie freizulassen. Dies geschah dann fast ein Jahr später im Rahmen eines Gefangenenaustausches, im Jahr 2024. Heute lebt sie mit ihrer Ehefrau Sonja in Berlin. Bei der Veranstaltung trug Sascha eine selbstgenähte Hose, die ihre Mutter aus ihren alten Gefängnisjeans hergestellt hat. Sie eröffnete mit Musik, spielte auf einer Ukulele und sang auf Englisch.

Valeria Liebermann las aus dem Buch, welches die beiden gemeinsam veröffentlicht haben. Valeria Liebermann schrieb die Gedichte und Sascha Skotschilenko zeichnete die Illustrationen, bei denen die Ähnlichkeit zu Tarotkarten eher zufällig ist, wie sie bemerkte. Aber auch ein Kartenspiel ist in naher Zukunft geplant, wurde von beiden angemerkt. Neben dem Schreiben malt Valeria Liebermann auch Gemälde und zeichnet.

Valeria Liebermann erzählte, dass das Haus ihrer Jugend, das erste, in dem sie in Deutschland gewohnt hatte, nicht mehr steht, spricht von einer Leere, die zurückbleibt, wenn man an die Orte der Erinnerung zurückkehren möchte. Manchmal ist sie auch für den Zentralrat der Juden in Deutschland unterwegs. Sie hat ein Gedicht darüber geschrieben, dass sie vor einem Schüler saß, der ihr gesagt hatte, „da muss doch was dran sein“, als es um den Antisemitismus ging, so als könne er sich überhaupt nicht vorstellen, dass die Menschen seit Jahrhunderten Juden hassen, einfach so. Da muss doch was dran sein, sonst gäbe es das nicht. Die Bestürzung über solche Aussagen ist schwer in Worte zu fassen. Auch über den 7. Oktober hat sie geschrieben, ihr Gedicht „der jüdische Oktober“:“Ich lud sie gestern noch hier ein, zu sprechen/die Aggressivität zu brechen/niemand wollte“. Und: „Parolen auf der Straße/Wieder, Deutschland“.

An diese Zeile „Wieder, Deutschland“ könnte man Bilder von Ostdeutschland hängen, eine schwierige Heimat, im Erwarten der Landtagswahl im September, aber für Valeria Liebermann bleibt Halle, die Stadt an der Saale, Lieblingsstadt, wie sie es selbst bezeichnet. Eine Heimat, die man behält, auch wenn es einem manche verübeln wollen, sie Heimat zu nennen.

Für beide Frauen ist psychische Gesundheit ein sehr wichtiges Thema, und dies spiegelt sich auch in ihren Werken wieder. Sascha Skotschilenko hat darüberhinaus einen graphic novel publiziert, der ihre Zeit als Gefangene illustriert darstellt, dieser ist allerdings nur auf russisch, das vorgestellte Buch „Gedichte und Illustrationen“ auch auf Deutsch erhältlich. Regelmäßig treten die beiden Frauen auf kulturellen und künstlerischen Events deutscher Exilruss:innen auf.

Der dritte Teil des Buches heißt „mein Herz brennt“ und berichtet über die Gefühle, die mit dem Krieg in der Ukraine verbunden sind. „Rettet meine Welt“, schrieb sie zum Beispiel, und schreit an Russland „du bist schon fast zu Ende“. Es bleibt nur, darauf zu hoffen.




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