In Phantasia leben vier Millionen Menschen in relativ guten sozialen Verhältnissen – vergleichbar mit unserer Situation in Deutschland. Auch die in Phantasia gestrandeten Asylsuchenden finden sich in einer Situation wieder, die der in Deutschland entspricht. In Phantasia entscheidet das „hohe Gericht“ über die Zukunft der Geflüchteten. Beraten werden sie hierbei von drei Parteien, der „Sozi-Partei“, der „Konserven-Partei“ und den „Alternativis“. Die Wirtschaftssituation Phantasias lässt nur die Anerkennung einer Person zu.

Mit dieser Situation konfrontiert Sally Paege, Mitarbeiterin der Stiftung Bildung, die zehn Teilnehmerinnen des Workshops „Planspiel zum Thema Flucht“. Nach einer kurzen Einleitung, in der Rollen verteilt und Plädoyers vorbereitet wurden,  ging es auch schon los.

Das Spiel begann, indem sich die drei Asylsuchenden vorstellten – eine 35-jährige Ärztin, die in ihrem Heimatland politisch verfolgt wird, eine Mutter mit drei Kindern unter sechs Jahren, deren Notlage sich nach dem Tod des Mannes drastisch verschlimmerte und ein 15-jähriges Mädchen, das von seinen Eltern weggeschickt wurde, um sie vor dem Krieg zu schützen. Auch wenn klar war, dass es sich um ein Spiel und um fiktive Biografien handelte, waren sich die Teilnehmenden bewusst, wie realitätsnah die dargestellten Schicksale trotzdem sind.

Die bedrückende Stimmung nahm noch zu, als die politischen Parteien  das Wort ergriffen. Sie stellten sich der Reihe nach vor, wobei die Einstellung der „Konserven-Partei“ wohl am meisten polarisierte. Sie sprach sich für einen rein wirtschaftlichen Standpunkt aus. Derjenige, der dem Land am meisten bringt, sollte bleiben dürfen, Kinder und Unausgebildete kosteten zu viel und sollten deshalb wieder ausgewiesen werden. Dem gegenüber stand die Partei der „Alternativis“, die von der 20-jährigen Isabel Brand gespielt wurde. Sie wollte sich eigentlich lieber gar nicht entscheiden müssen und argumentiert gegen die Auswahl, die die Konserven und Sozis trafen. „Ich war froh über meine Rolle, da ich mich gut mit ihr identifizieren konnte. Die Argumente der anderen Parteien konnte ich nicht verstehen, die waren mir zu unmoralisch“, sagte sie am Ende des Spiels.

Nachdem jede Position bekannt war, war das „hohe Gericht“ am Zug. In einer langen Diskussion, in der es sich von den Parteien beraten ließ und die Antragsteller genauestens unter die Lupe nahm, musste es entscheiden, wer bleiben darf und wer nicht.

„Man könnte meinen, als hohes Gericht wäre man so machtvoll, aber man fühlt sich genauso machtlos wie alle anderen“, sagte Teilnehmrin Olivia über ihre Rolle. Mit ihr und zwei weiteren Teilnehmerinnen hatte auch Lilly die Rolle der Jury übernommen: „Es ist, als würde man sich an jeden Strohhalm klammern, um die Entscheidung zu rechtfertigen, auch wenn die Dinge, die man dann sagt, furchtbar sind“.

Es war still im Raum, nachdem das „hohe Gericht“ seine Entscheidung verkündet hatte. Es war deutlich zu spüren, dass sich niemand wohl in seiner Haut fühlte. „Es ist ekelhaft“, sagte Justine (20), die die Rolle der Ärztin verkörperte. „Ich möchte nicht in der Situation sein, dass andere wirklich für oder gegen mein Leben entscheiden können“. Ihre Figur wurde als erstes abgelehnt.

Die Begründung dafür: ihre gute Qualifikation, das junge Alter und dass andere den Platz dringender bräuchten. „Man fühlt sich gar nicht mehr als Lebewesen wahrgenommen“, beschrieb sie das Gefühl, das sie in ihrer Rolle hatte. „Als würde man einem Menschen seine Menschlichkeit absprechen“, stimmte Carolin, in der Rolle der „Sozi-Partei“, ihr zu.

Zum Ende des Workshops diskutierten die Teilnehmenden noch über die Erfahrungen, die sie bei diesem Planspiel gesammelt haben. „Der erste wichtige Schritt ist, dieser ständigen Alltagsdiskriminierung etwas entgegenzusetzen. An dem System können wir vielleicht nichts ändern, aber wir können doch jeden Tag unseren kleinen Teil tun“, sagte Teilnehmerin Carolin. Die Gruppe war sich einig: Keiner möchte eine Entscheidung wie diese im wahren Leben treffen müssen. Klar war aber auch, was Justine zusammenfassend feststellte: „Wenn ein Mensch in Lebensgefahr ist, muss man ihm helfen.”