Handy Bildschirm Apps

Müsste ich den Menschen im 19. Jahrhundert erklären, was „Social Media“ ist, würde ich kläglich scheitern. Traurig eigentlich. Tagtäglich verbringe ich Stunden darin und kann es dennoch kaum definieren. Ein Annäherungsversuch eines Millenials.

Gestern

Die Spielwiese vom Kindergarten, der Pausenhof der Grundschule und die große Garageneinfahrt der Nachbarn. Sie waren Social Media noch bevor es Social Media überhaupt gegeben hat. Hier sind Freundschaften entstanden, Geschichten vom letzten Wochenende wurden geteilt und es wurde gnadenlos gehänselt – heute „followen“, „posten“ oder „canceln“ wir. Es war eine Zeit ohne Handys. Der Login war der Schritt vor die Haustüre. Die Nutzungsbedingungen waren das Versprechen gegenüber Mama, vor dem Abendessen wieder zuhause zu sein. Und „F5“ war ein neuer Tag. Kein Gedanke zurück an diese Zeit schwirrt ohne ein klein wenig Nostalgie in meinem Kopf. Zu romantisch und unbeschwert waren eben jene Momente.

Das änderte sich mit dem Wechsel auf das Gymnasium. Plötzlich war das Netzwerk größer und die Menschen unbekannter. Wie soll ich da den Überblick behalten? Parallel zu den gestiegenen Erwartungen, etablierte sich auch der Computer als unverzichtbarer Begleiter. Vom einen auf den anderen Tag hatte ich die Möglichkeit der Realität zu entfliehen und eine zweite aufzubauen. SchülerVZ war der neueste Schrei. Nach Schulschluss ging hier das Leben weiter. Vorher hatten wir uns in der Klasse aber noch verabredet später „on“ zu gehen, um dann im Plauderkasten extrem spannende Konversationen zu führen: „hi“ – „hey wg?“ – „gg dir?“ – „auch wmds?“ – „musik hören und mit dir schreiben“ – „ok bye“ – „hdgdl“ – „hdgggggggdl“ Und wehe die Person, die man angegruschelt hatte, gruschelte nicht zurück! Daran sind Freundschaften zerbrochen. Es war auch die Zeit der geheimnisvollen Beziehungen, die ausschließlich online stattgefunden haben. Für diese Personen gab es den Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“. Und war man Mitglied in der Gruppe „Lutschen bis das Weiße kommt – ich liebe Kinderschokolade!“ hat man es geschafft: Man war Teil der coole Elite in der eltern- und lehrerfreien Zone. Dann kam Facebook …

Heute

Das Ende von SchülerVZ läutete eine Zäsur für mich ein. Mehr und mehr meiner Freunde wechselten zu dem neuen Web-Giganten Facebook. Ich schreibe das als wären die beiden Netzwerke Telefonanbieter. Und genauso war es im Prinzip auch. Ich verlor den Anschluss, wobei das für mich persönlich keinen Rückschritt bedeutete. Facebook war mir zu heiß und auf einer anderen Plattform hat sich das Online-Leben in meiner Bubble nicht abgespielt. Also bin ich auf YouTube ausgewichen und sehe hierin bis heute die bessere Alternative zum Fernsehen.

Eines Tages dann – es war ein feucht-fröhlicher Abend in einer Kneipe und inzwischen war ich Student – kam Instagram dazu. Ich hatte mich so sehr damit abgefunden, auf Social Media nicht stattzufinden, dass der Account von einer Freundin erstellt wurde und ich erst Tage später die Zugangsdaten bekommen habe. Der Urspungsgedanke dieser Plattform ist schnell erklärt: Bilder unkompliziert teilen und anderen zugänglich machen. Seit der Gründung sind hier viele Features dazugekommen – böse Zungen behaupten die Entwickler haben hier bei der Konkurrenz abgeschaut.

So oder so: Wer hip und immer up to date bleiben will kommt um Instagram nicht mehr herum. Musik, Kino, Lifestyle, und Sport. Wer sich für diese Themen interessiert und auch wissen will, was in der Welt der Stars und Sternchen passiert, kann auf Instagram nicht verzichten. Auch Unternehmen nutzen den Fotodienst, der schon lange mehr als das ist, um sich mit visuellen Inhalten zu präsentieren. Bei jedem Login hagelt es Werbung. Und was macht diese Flut an Informationen mit mir? Instagram ist gleichzeitig Entertainment und meine Nachrichtenquelle Nummer 1 – daran besteht kein Zweifel. Es ist aus meinem Leben nicht mehr weg zu denken. Genauso wie aus der gesamten Gesellschaft. Hashtags regieren, Freundesgruppen gibt es nicht. Das macht auch die Algorithmen als Währung vom Internet-Giganten so interessant.

Seit ich ein internetfähiges Handy besitze ist WhatsApp eine konstante Begleitung. Kein Weg der schnellen und unkomplizierten Kommunikation führt an dem Messenger vorbei. Zu bequem ist die Nutzung, zu praktikabel und etabliert ist die App an sich. Der Nachrichten-Dienst kommt in meinem kurzen Rückblick so kurz, weil er im Unterschied zu allen anderen Social Media-Apps unverzichtbar in meinem Alltag integriert ist und deshalb nicht weiter Thema sein muss. Die Funktionalität von WhatsApp ist so selbstverständlich – auch für die Mehrheit in der Bevölkerung, darin liegt wahrscheinlich auch der Erfolg.

Morgen

Prognosen will und kann ich keine stellen. Wenn ich noch nicht einmal beschreiben kann was Social Media aktuell ist, wie soll ich hier Aussagen über die Zukunft treffen können? Denn mein Annäherungsversuch ist auch nicht mehr als eine Zeitreise durch meine eigene Social Media-Karriere. Manche Online-Netzwerke mit überholten Konzepten werden früher oder später von der Bildfläche verschwinden, andere neue werden nachrücken. Welche das sind, bestimmen die Nutzer. Fest steht für mich folgende Definition von Social Media: Als Millenial bin ich Teil der Generation, die die Entwicklung hautnah erlebt und die letzte, die weiß wie es ohne war. Wie sich diese Tatsache auf andere Generationen auswirkt sei dahin gestellt. Soziale Medien werden immer ihren Stellenwert haben, der sich mit realen Bekanntschaften vergleichen lässt: Schon der Login ist ein Erlebnis. Ähnlich wie der Aufbau einer neuer Beziehungen ein prickelndes Abenteuer ist, bringt auch das Online-Leben schnell eine gewisse Abhängigkeit mit sich. Bei längerer Offline-Zeit sind Entzugserscheinungen schnell vorprogrammiert.

Das gilt für meine Generation und mit Sicherheit auch für alle folgenden. Einzig die wechselnde Attraktivität neuer Social Media-Plattformen. Twitter und Co. werden wahrscheinlich immer unerreichte Größen im Kampf um die meisten Nutzer sein. Eine neue App regiert gegenwärtig aber knallhart so wie wohl kaum eine andere: TikTok. Das Videoportal lebt von seiner Dynamik und den sagenhaft schlauen Algorithmen. Als Plattform der jüngeren Generation wird es von den älteren Generationen bisher teils abwertend teils militant verschrien. Wer mit dem Zahn der Zeit gehen will, wird hierauf aber wohl kaum verzichten können.

Social Media ersetzt nicht das reale Leben. Aber nur deswegen darauf zu verzichten, ist keine Lösung. Im Gegenteil: Gerade weil Social Media kein Ersatz für die Offline-Welt ist, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, die sowohl Chancen wie Risiken mit sich bringen. Eine ausgewogene und richtig eingesetzte Nutzung ist hier der Schlüssel.