Leonard Schneider, 20, Student und Bundestagskandidat

Aktuell meist auf SPD-Plakaten in seiner Heimatstadt Wittenberg oder hinter Wahlständen anzutreffen, heute aber im Interview für das youthmag ist Leonard Schneider. Der 20-Jährige ist eigentlich Student der Politikwissenschaft und deutschen Literatur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, nun aber auch Bundestagskandidat im Wahlkreis Dessau-Wittenberg. Leonard ist seit Anfang 2019 Mitglied der SPD und aktiver Juso. 

Im „Podcast deiner Wahl“, den du diesen Sommer mit deinem Parteikollegen Sven Paul gestartet hast, sprecht ihr über die SPD, politische Positionen, eure Kandidaturen. Das Anfangsritual, das ihr eingeführt habt, möchte ich hier übernehmen und mit der Frage einsteigen: Wie läuft der Wahlkampf, Leonard?

Heute haben wir sogar schon eine neue Podcast-Folge aufgenommen, da beantworte ich die Frage schon zum zweiten Mal. Inzwischen hat die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen. Jetzt wird das alles ein bisschen ruppiger, ein bisschen stressiger, jetzt steht man auf einmal mehr im Mittelpunkt. Das ist einerseits faszinierend, andererseits ein wenig furchteinflößend. Schließlich ist es keine alltägliche Situation, wenn überall Plakate mit dem eigenen Gesicht darauf hängen.

Und das ist auch noch deine erste Kandidatur, also eine ganz neue Situation für dich. Wie unterstützt dich deine Partei im Wahlkampf? 

Die Unterstützung kommt von vielen Seiten. Zuerst durch mein Wahlkampf-Team, die leisten den größten Beitrag. Aber natürlich sind der gesamte Ortsverein und Kreisverband mit viel Menpower, mit viel Womenpower mit dabei! Der Landesverband unterstützt alle Kandidierenden, nicht durch Gelder, sondern auch durch Angebote, wie Online-Projekte oder die Organisation von Kandidat:innen-Treffen. Auch von der Bundespartei, vom Willy-Brandt-Haus, kommt Unterstützung. Von dort erhalten wir Anregungen und Informationen für den Wahlkampf, Tools, Technik-Pakete und finanzielle Hilfen.

Wie sieht dann momentan dein Alltag aus? Gibt es überhaupt einen Alltag?

Gerade habe ich viel mit Büroarbeit zu tun, ich schreibe viele Mails und arbeite mit meinem Kampagnen-Planer am Design der Kampagne. Das heißt: Fotos machen, Plakate erstellen, Strategien entwickeln, wie wir die Plakate hängen wollen – schließlich ist Dessau-Wittenberg ein riesiger Wahlkreis – Termine planen, zum Beispiel für den „Podcast deiner Wahl“ oder Interviews. 

Glücklicherweise geht es jetzt so langsam auch auf die Straße, mit Ständen und hoffentlich bald auch mit kreativeren Sachen. In der ganz heißen Phase kommen die Erstwähler:innen-Partys dazu. Insgesamt fällt es mir da schwer, von einem Alltag zu sprechen, da die Tage sich doch sehr unterscheiden. Nur einige Sachen mache ich regelmäßig, wie das Vorlesen im Altersheim. Das hat sich etabliert.

Jüngst ist die SPD durch einen Wahlkampfspot in die Kritik geraten. Dieser zeigt, wie eine Matroschka-Puppe auseinander gebaut wird, die die Gesichter einiger CDU-Kandidaten trägt. Die Message: Wer Laschet wählt, wählt auch… Olaf Scholz hat nun im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ angekündigt, den Wahlkampfspot nicht mehr nutzen zu wollen. Was ist deine Position dazu?

Das finde ich ok, denn ich wüsste jetzt auch nicht, wo man ihn noch weiter braucht. Der Spot hatte seine Daseinsberechtigung. Ich bin ja Juso, da bin ich fast in der Pflicht polarisierende Sachen gut zu finden! Er war hart, absolut, aber ich bin froh, dass der Spot eine Debatte ausgelöst hat. Sonst polarisiert die SPD in dem Sinne ja nicht. Der Spot zielte nicht, wie im Wahlkampf in den USA häufig zu beobachten, ins Persönliche oder unter die Gürtellinie. Was Nathanel Liminski betrifft wurde angemerkt, dass er erzkatholisch ist, zum Beispiel Sex vor der Ehe ablehnt. Das ist eine Information für die Leute, die wissen sollen, wen sie wählen, was sie bekommen.

Du siehst den Spot als Medium zur Informationsverbreitung?

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, der Spot diene der reinen Informationsverbreitung. Natürlich sollte er wirken, polarisieren, angreifen. Der Spot hat jedoch keine inhaltlichen Verfehlungen und vermittelt auch keine Unwahrheiten.

Ich finde das Programm stark.

Die SPD hat nicht nur frühzeitig die K-Frage geklärt, sondern auch als erste etablierte Partei am 9. Mai ihr Bundestagswahlprogramm veröffentlicht: „Zukunft – Respekt – Europa. Das Zukunftsprogramm der SPD“ ist es überschrieben. Kernthemen sind der Ausbau des Sozialstaats, Klimaschutz, Gesundheitsversorgung, Digitalisierung und die Stärkung der EU. Welche Punkte fehlen dir im Programm?

Grundsätzlich finde ich das Programm stark. Ich würde nicht sagen, dass uns Themen fehlen. Aus der Sicht eines Jusos würde ich mir  jedoch bei dem Punkt „Klimaneutralität bis spätestens 2045“ mehr Schärfe wünschen. Ich möchte, dass wir das Ziel der Klimaneutralität schon früher entschieden angehen. Ganz Europa muss klimaneutral werden, wenn wir das alles schaffen wollen. Das wäre ein kleiner Kritikpunkt, allerdings muss man auch die Formulierung „spätestens 2045“ beachten. Das überliest die Union ganz gerne. Ich schätze, die SPD war bei der Erstellung des Programms einfach um viel Realismus bemüht. Wir als Jusos glauben jedoch, dass wir die Klimaneutralität auch schon früher erreichen können.

Meine Zukunft, meine Generation, meine Themen.

Was sind deine persönlichen politischen Ziele?

Persönlich komme ich aus dem Theaterbereich, in dem ich früher nebenberuflich gearbeitet habe. Und aus der Slam-Szene. Daher sind Kunst und Kultur mein Steckenpferd. Wir haben da ganz coole Konzepte, Förderungen, die verhindern sollen, dass der Kulturbetrieb in der Corona-Situation nicht abgehangen wird. Natürlich gab es auch vor Corona schon Probleme. Die Kommunen müssten so gefördert werden, dass sie es schaffen, den Theaterbetrieb nachhaltig am Laufen zu halten.

Auch die Bildungsthematik ist für mich sehr wichtig. Ich finde, es kann nicht sein, dass eine gute Abiturnote in einem Land leichter zu erreichen ist, als in einem anderen. Wir brauchen ein Zentralabitur. Es geht einfach um Chancengleichheit.

Gleiches Thema: Elternunabhängiges Bafög. Es wird Zeit, das hat etwas mit Gerechtigkeit und auch mit Chancengleichheit zu tun. Das ist ein Thema meiner Generation, da müssen wir dranbleiben, das müssen wir jetzt durchdrücken.

Besonders bei den jungen Leuten ist auch die Umweltthematik sehr präsent. Ich hoffe natürlich, dass wir möglichst schnell die Klimaneutralität erreichen. Es ist möglich, da müssen wir jetzt Wege finden! Wasserstofftechnologie weiterentwickeln, Solaranlagen an allen öffentlichen Gebäuden anbringen – da muss man drüber nachdenken, das muss man umsetzen.

Dann ist mir noch wichtig: Ich bin Europäer. Dafür müssen wir kämpfen, dass jeder Mensch in Europa diesen Gedanken auch verinnerlicht. Europa muss zusammenwachsen. Europa ist unsere Zukunft.

Das Durchschnittsalter in der SPD liegt bei 60 Jahren. Siehst du dich da auch in der Verantwortung, jüngere Themen in die Partei zu tragen?

Ja. Ohne den älteren Genoss:innen vorwerfen zu wollen, dass sie das nicht auch tun. Ich finde: Meine Zukunft, meine Generation, meine Themen – eine relativ logische Gleichung. Es geht mir auf jeden Fall darum, junge Themen zu transportieren.

Wir müssen uns das Vertrauen der Bürger wieder verdienen. Ich bin optimistisch, dass das klappen kann.

Für Klimapolitik gibt es Bündnis 90 / die Grünen, für Sozialpolitik die Linke, wo hat die SPD da ihren Platz? Beziehungsweise hat die SPD überhaupt noch einen Platz?

Die SPD steht noch immer für den sozialen Motor des Landes. Ich glaube, wir haben viel umgesetzt: Die Grundrente, den Mindestlohn. Ich denke nicht, dass die Linke die soziale Partei des Landes ist – sie hat sehr drastische, nicht unbedingt immer realistische Forderungen. Ich möchte die Linke jetzt nicht scharf angreifen. Ich halte die SPD immer noch für DIE soziale Partei Deutschlands. Sie ist breit aufgestellt, sie kann auch Umweltschutz, nicht nur die Grünen, und hat natürlich ihren Platz in der Gesellschaft.

In letzter Zeit hat die SPD für ihre Verhältnisse schlechte Wahlergebnisse erzielt. In deinem Wahlkreis Dessau-Wittenberg lag die SPD 2017 nur an 4. Stelle hinter CDU, AfD und der Linken. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt holte sie das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des Bundeslandes. In den aktuellen Umfragen zur Bundestagswahl rangiert die SPD auf Platz drei mit rund 18 Prozent. Wie erklärst du dir dann die schwindenden Wählerstimmen?

Die letzte Insa-Umfrage zumindest hat die SPD ja wieder auf 20 Prozent gesehen. Die Volksparteien haben ein bisschen abgebaut durch die neue Parteien-Vielfalt. Das macht es natürlich schwerer, große Prozentanteile zu bündeln. Auch leidet die Partei darunter, dass die Umweltthematik so sehr den Grünen zugeschrieben wird. Die SPD wird hier meiner Meinung nach häufig übergangen, da vermeintlich geglaubt wird, die Sozialdemokraten könnten keine Klimapolitik.

Dann die Ost-West-Angleichung – Menschen fühlen sich ungerecht behandelt und diese Emotionen greifen dann Parteien wie die AfD auf. Die tut so, als wäre sie die große Rettung, stellt auf ihren Plakaten aber dann nur Fragen, anstatt Ideen zu präsentieren!

Schließlich hängt der SPD auch noch die Agenda 2010 mit Hartz IV nach. Ich bin aber Teil einer neuen Generation. Meine Aufgabe ist es, diese Probleme wieder aufzulösen, dagegen anzukämpfen. Ja, Hartz IV war ein Fehler, das hätte die SPD niemals machen dürfen – das haben uns die Menschen auch nicht verziehen. Jetzt müssen wir uns dieses Vertrauen wieder verdienen. Ich bin optimistisch, dass das klappen kann.

Stimmst du der Aussage zu, dass die SPD als Juniorpartner in der GroKo in den Medien recht wenig sichtbar war?

Als Juniorpartner in einer Koalition hast du immer ein Durchsetzungsproblem. Den Koalitionspartner anzugreifen und gleichzeitig gemeinsame Projekte zu verteidigen – das ist ein ganz schwieriger Abwägungsprozess. Allerdings konnten wir in der GroKo auch viele große Ziele nicht so durchsetzen, wie es unserem Parteigeist entsprechen würde.

Das könnte auch der Grund dafür sein, dass die SPD einer Neuauflage der GroKo in ihrem Wahlprogramm eine recht deutliche Absage erteilt. Es dürfe kein „Weiter-so“ geben, CDU und CSU hätten wichtige Zukunftsprojekte blockiert, die SPD sei nun bereit eine neue „Zukunftsregierung“ zu führen. Scholz gilt als Befürworter einer Ampelkoalition. Was wäre, bleiben wir realistisch, die von dir präferierte Regierungskonstellation?

Ich möchte Scholz nun nicht andichten, dass er eine Ampelkoalition möchte. Meines Wissens nach hat er nie eine eindeutige Präferenz formuliert. Ich halte eine Ampel jedoch für die wahrscheinlichste Option. Eine Ampel fände ich spannend, ein sozialliberales Konzept hat etwas. Sozialliberalismus, das sind Ideen, die den Menschen Freiraum lassen und starken sozialen Prinzipien folgen. Die Grünen könnten sich in dieser Konstellation natürlich auch sehr deutlich einbringen.

Ich würde jedoch sagen, die Mehrheit der Jusos wünscht sich R2G. Da hätten wir mal einen ordentlichen Politikwechsel, Probleme würden mal angegangen. Aber ein eindeutiges Votum kann ich nicht geben. Was meine Partei und ich auch sicher feststellen können: Die CDU / CSU ist eine Gefährdung für unsere Zukunft und daher müssen wir Regierungsoptionen außerhalb einer Koalition mit diesen Parteien finden.

Wie stehst du, wie stehen die Jusos zu Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten? Er dominiert den Wahlkampf ja aktuell sehr und kann mit seinen Umfragewerten ein Zugpferd für die SPD sein.

Ja super Sache. Olaf ist weltpolitisch eindeutig als Linker zu sehen, er hat ein Standing und zieht die Wahlumfragen der SPD auch zu Recht nach oben. Klar hatten wir als Jusos Differenzen mit dem Kandidaten, aber das gehört zu einer Partei dazu, das gehört zur Politik dazu. Wir sind uns sicher, dass Olaf der richtige Mann ist.

Diesen Kampf habe ich mir ausgesucht.

Leonard, du gehörst mit deinen 20 Jahren zu den jüngsten Bundestagskandidaten. Darauf wirst du auch ziemlich oft angesprochen. Gehen dir die Fragen nach deinem Alter und angeblich mangelnder Erfahrung nicht langsam auf die Nerven?

Auf die Nerven gehen sie mir noch nicht unbedingt. Ich kann damit natürlich auch selbst ganz spielen. Es macht Spaß, die Rolle der wilden jungen Rebellen einzunehmen. Man kann viel machen, man kann polemisch sein, man kann laut sein, die aufbrausende Jugend darstellen. Andererseits ist es sehr anstrengend, sich immer wieder anzuhören, dass man noch nichts erlebt hat, noch keine Erfahrungen gesammelt hat. Ich mag es nicht, wenn man mich wegen meines Alters mit weniger Respekt behandelt.

Auch wird mir häufig vorgeworfen, ich hätte mich nicht von unten nach oben hochgearbeitet. Solche Vorwürfe bekomme ich jeden Tag ab. Das ist ermüdend, das ist anstrengend, aber diesen Kampf habe ich mir ausgesucht, das war mir bewusst. Und diesen Kampf werde ich nun auch führen müssen.

Welche Chancen bietet dein Alter für deine Kandidatur?

Viele, ganz ganz viele. Beispielsweise bin ich mit meinen 20 Jahren dann der Richtige um Videobotschaften aufzunehmen. Machen das ältere Generationen, ist das eher cringe. Ich kann polemischer, lauter sein, als Juso viel fordern. Ich kann Schwung mitnehmen – viele Menschen fordern Aufbruch und wünschen sich einen Wandel in der Politik – das kann ich darstellen.

Das sollten wir nicht als Problem, sondern als Herausforderung wahrnehmen.
Nur 12 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind unter 40 Jahre alt. Welche Gründe machst du dafür verantwortlich, dass junge Menschen selten politische Ämter übernehmen?

Das hat sicherlich viele Gründe. Um in den Bundestag einzuziehen, brauchst du entweder einen sehr hohen Listenplatz oder du musst das Direktmandat erstreiten. Um das zu erreichen, muss man jahrelang präsent gewesen sein, sich gezeigt haben, sich das erarbeitet haben. Allein bis man sich politisiert und für den Parteieintritt entschieden hat, da ist man häufig aber schon etwas älter. 

Dann klammern sich vermutlich viele langjährige Mitglieder:innen an ihre Posten und sind nicht bereit, diese für die nachrückenden Generationen zu räumen. Ich denke auch, dass große Teile der Gesellschaft unserer Generation auch einfach nicht zutrauen wollen, Verantwortung im Parlament zu übernehmen. Aber das sollten wir nicht als Problem, sondern als Herausforderung wahrnehmen. 

Was ist dir abschließend noch wichtig?

40 Tage vor der Wahl müssen wir uns bewusst sein, dass wir vor einer historischen Wahl stehen. Die nächsten zehn Jahre werden über unseren Wohlstand, unser Klima entscheiden. Es hängt jetzt vieles an unserer Generation, aber nicht nur an uns! Das klingt vielleicht polemisch, das klingt vielleicht abgehoben – aber so ist es momentan nun mal.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview fand am 15.08.2021 statt.



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