Es gibt so viele Menschen auf unserer Welt, die mit den schlimmsten Diagnosen leben müssen und immer wieder mit Krankheit und womöglich auch dem Tod konfrontiert werden. So viele Menschen, deren größter Wunsch es wäre, sagen zu können, sie seien gesund. Vielleicht sind sie an Medikamente gebunden, vielleicht leidet ihre Optik oder Psyche an der Krankheit. Und ich rede hier nicht bloß von einer Erkältung: Ich rede von Krebs, Demenz, Depressionen und vielen mehr, körperliche wie psychische und geistige Krankheiten. Mir scheint es, Menschen vergessen viel zu oft, was es heißt, gesund zu sein, wie glücklich sie sich schätzen können. Alle sind so mit dem Stress und Problemen des Alltags beschäftigt, dass sie gar nicht daran denken, wie gut es ihnen eigentlich geht. Mich eingeschlossen, denn ich tue dies ebenfalls viel zu selten!
Aber warum ist das so? Nun, Gesundheit ist für viele ganz selbstverständlich. Klar, ab und zu sind wir alle mal erkältet, aber nach ein paar Tagen hat sich die ganze Sache schnell wieder erledigt.
Wir sehen Gesundheit oft nicht als Geschenk, sondern als Besitz, den uns niemand entwenden könnte.
Aber Gesundheit kann nicht besessen oder gar festgehalten werden. Gesundheit ist ein Begleiter. Sie läuft mit uns unseren Lebensweg entlang, doch ab und zu scheint sie abgelenkt zu sein und verirrt sich. Je nachdem wie spät diese es erst merkt, kommt sie schnell wieder zurück zu uns, oder eben nicht. Vielleicht tut sie dies auch niemals. Wir können sie nicht mit der Hand festhalten, uns ist es einzig und allein möglich, ihr den Weg zu erklären: Wir werden uns gesund ernähren, Sport treiben, nicht rauchen oder zu viel trinken, viel schlafen, negativen Stress vermeiden und uns unter andere Menschen begeben. All das können wir tun und diese guten Vorsätze werden auch sicherlich einen positiven Effekt haben. Doch bei einigen Menschen scheint ihr Begleiter nicht gut aufgepasst zu haben, und verirrt sich trotz der Wegbeschreibung. Darauf haben diese keinen Einfluss. So rückt ein anderer Begleiter an ihre Seite: die Krankheit. Er bleibt so lange bei den Menschen, bis die Gesundheit ihren Weg zurückgefunden hat. Natürlich ist es möglich, den Begleiter zu bekämpfen und in einigen Fällen funktioniert dies auch. Aber eben nicht in allen.
Gesundheit als Begleiter, allein dies drückt doch bereits aus, dass es eben nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein. Denn wie auch in jeglichen zwischenmenschlichen Beziehungen können wir unsere Freunde oder Partner nicht einfach an uns festbinden. Jeder einzelne von ihnen geht als Begleiter ein kleines oder auch ein großes Stück unseres Lebens mit uns zusammen. Sie alle sind nicht aus reiner Selbstverständlichkeit an unserer Seite. Und so ist das mit der Gesundheit ebenfalls. Trotzdem wird sie als alltäglich angesehen, wie diese eine Floskel, über die wir gar nicht wirklich nachdenken: „Gesundheit“, sagen wir, wenn jemand niesen muss. Ein völlig alltägliches Wort, oder? Es kommt ganz automatisch über unsere Lippen und obwohl doch so viel Bedeutung in ihm steckt, hat es diese beim Aussprechen eben nicht. Es ist bloß die Antwort auf ein Niesen. Dabei ist dieses eine Wort so viel wertvoller als das. Gesundheit bedeutet, ein schlagendes Herz, welches lieben und hassen kann. Lungen, die das Atmen ermöglichen. Haut, die uns jedes Material, jedes Objekt erfühlen lässt. Knochen und Muskeln, welche uns in Bewegung setzen und unsere Organe schützen. Augen, die uns die Schönheit der Welt zeigen. Ohren, die uns die wundervollsten Melodien hören lassen. Unsere Psyche und unser Geist, welche uns das Grübeln, Lernen, Empfinden und so viel mehr möglich machen. Gesundheit bedeutet, an jeden beliebigen Ort laufen zu können, nicht auf Medikamente angewiesen zu sein, Kontrolle über seine eigenen Gedanken zu haben, sich an wunderschöne Momente erinnern zu können, keine physischen Schmerzen zu empfinden, einen funktionalen Körper zu besitzen und weniger Sorgen zu haben. Gesundheit bedeutet, ohne jegliche Einschränkungen leben zu können.
Dennoch ist der andere Begleiter, die Krankheit, bedauerlicherweise ein beständiger Teil in unser aller Leben. Manche Menschen werden mit ihr geboren. Die Krankheit ist ihr Lebensgefährte, immer und überall. Anderen begegnet sie im Leben immer mal wieder, möglicherweise wie ein Sturm oder bloß eine Böe. Einigen Menschen ist sie vielleicht sogar schon bekannt. Weiteren läuft sie erst am Ende des Lebens über den Weg. Aber da ist sie immer, irgendwo. Sie beeinträchtigt uns, die einen mehr, die anderen weniger. Sie ist der Feind, denn sie kann Leben nehmen. Manche besiegen sie, andere verlieren gegen sie. Doch die Menschheit weiß sich zu wehren, sie erfindet Waffen, rottet sie aus, wird stärker und stärker und schlägt zurück. Wir konnten bereits viele Krankheiten zurückdrängen, doch sie werden immer ein Teil unserer Welt bleiben. Menschen, die mit einer Krankheit leben müssen, verstehen, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist, denn sie bekommen es jeden einzelnen Tag am eigenen Leib zu spüren.
Deswegen bedeutet Gesundheit so viel und doch vergessen wir diesen Wert immer und immer wieder. Es scheint, als denken wir immer nur dann wirklich darüber nach, wie wichtig Gesundheit ist, wenn sie uns verlässt. Aber warum sollten wir ihr nachtrauern, anstatt sie dann wertzuschätzen, wenn sie uns mit Freude, mit Leben erfüllt? Auch für uns als selbstverständlich Angesehenes wird sie nicht für immer bleiben. So sollten wir doch hin und wieder unser Geschenk betrachten und überlegen, wie viel Wunderschönes es uns ermöglicht hat. Würden wir dies tun, würden wir sicherlich einige kleine Probleme und Sorgen im Alltag nicht ganz so dramatisieren, oder? Wenn wir endlich anfangen, Selbstverständliches nicht mehr als selbstverständlich anzunehmen, so wird unser ganzes Leben doch noch viel bedeutsamer und wertvoller. Immerzu bedanken wir uns bei anderen für jede Kleinigkeit, also warum bedanken wir uns nicht auch mal bei uns selbst? Dass wir all die Möglichkeiten haben, die vielen verwehrt bleiben? Lasst uns über jedes „Gesundheit“ nach einem Niesen ein paar Augenblicke länger nachdenken – was es eigentlich bedeutet, gesund zu sein. Das ist nur fair gegenüber all jenen, die Gesundheit nicht als Begleiter haben.
Würden wir uns alle etwas bewusster machen, dass Gesundheit die Basis für so Vieles darstellt – wie wir uns fühlen, wozu wir fähig sind, wie wir mit unserer Umwelt umgehen und ganz allgemein: Wie wir leben – dann bin ich sicher, würden wir alle dieses eine Wort mehr wertschätzen und ein zufriedeneres Leben führen. Denn ein solches kann nur dann geführt werden, wenn Selbstverständliches nicht als selbstverständlich anerkannt wird.