Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem Gedankengang, der mich in letzter Zeit zu verfolgen scheint. Also habe ich mich dazu entschieden, ihn zu verschriftlichen – hauptsächlich für mich selbst, sodass ich ihn einmal in zehn, zwanzig, dreißig Jahren lesen und mir die Frage stellen kann, ob meine Wahrnehmung von Zeit noch immer dieselbe ist.

Die Sonne glitzert auf dem Wasser – ein Meer aus tausenden Diamanten. Der Wind weht mal stark, mal leicht, mal ist es still – so still, dass ich das Ticken meiner Armbanduhr hören kann. Ich sitze in einem Café, welches ich rein zufällig entdeckte, als ich auf meinem Weg zum Bahnhof war. Es sah nett aus, so direkt am Wasser und mit den vielen großen Blumentöpfen rings herum. Da ich es nicht eilig hatte, entschied ich, noch einen Kaffee zu trinken und nun sitze ich hier. Der heiße Duft erfüllt meine Sinne und schenkt mir die Ruhe, die ich in letzter Zeit wirklich brauchte. Das Café ist erstaunlich leer, da es vor Kurzem erst öffnete, sodass ich bei der Stille und meinem Blick auf das klare Wasser die Gedanken schweifen lassen kann. Sie zeichnen ein Bild, welches sich noch immer ganz präsent in meinem Kopf befindet: Vor einigen Tagen hatte ich meinen Bruder im Arm, gerade mal ein paar Monate alt. Er schaute mich interessiert an und lächelte, sodass ich glaubte, mein Herz würde schmelzen. Ich stützte seinen Kopf mit meinem Arm, während ich ihm die Flasche hielt. Mit schnellen Schlucken trank er sie komplett aus. Erst später fiel mir etwas auf, vor dem ich erschrak. Als ich diese kleinen Hände, kleinen Ohren, die kleine Nase und die kleinen Augen sah, die noch nichts von der Welt kannten, erschrak ich vor der Zeit. Ich erschrak davor, zu wissen, dass ich diesen Menschen aufwachsen sehen würde – Jahr für Jahr – und ich in diesen Jahren selbst auch immer älter werden würde. Nun muss gesagt werden, dass ich mich vor dem Älterwerden keineswegs fürchte – das tat ich früher einmal, doch heute nicht mehr. Ich sehe es eher als Privileg und habe mir versprochen, niemals auch nur eine Falte oder ein graues Haar zu verfluchen. Doch trotzdem erschrak ich bei dem Gedanken an die Zeit. Ich werde dieses Jahr 18. Schon lange freue ich mich auf diese Zahl, denn sie ist nicht nur eine solche – für mich bedeutet sie in gewisser Weise Freiheit. Aber wie kam es eigentlich so weit? Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, die Erwachsenen zu verstehen, wenn sie sagen: „Du bist so groß geworden.“ Es stimmt. Ich bin groß geworden, ohne es wirklich zu bemerken. War ich nicht gestern erst 13 und habe die ältesten an unserer Schule bewundert? Heute bin ich eine der ältesten und sehe in den Kleinen noch immer mich selbst.

Momente scheinen oft einfach an mir vorbeizurauschen. Eine gefühlte Ewigkeit freue ich mich auf diesen einen bestimmten Tag und plötzlich ist er vorbei, der nächste beginnt. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil, die Vorfreude ist meistens sowieso das beste – aber es macht mir immer wieder bewusst, dass die Uhr tickt. Ereignisse, die mir Angst, Sorge bereiten, sind letztendlich genauso schnell vorbei, wie jene, die mir Motivation geben, die Woche durchzustehen. So kann man sich immer im Klaren darüber sein, dass selbst die schlimmste Zeit einmal ein Ende findet – auch, wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlt und die Annahme der Dauerhaftigkeit lähmend wirkt. Gleichzeitig gehen so auch die schönsten Tage zu Ende und irgendwann sind sie in so weiter Ferne, dass die Erinnerungen mehr und mehr schwinden. Dieser Gedanken ist ambivalent – tröstend und beängstigend.

Weshalb machen wir Menschen wohl gerne Fotos? Wir versuchen, die Zeit einzufangen und in einem Bild zum Stillstand zu bringen. Wir hoffen, dadurch nicht mehr zu vergessen.

Manchmal muss ich mich selbst wachrütteln und mich daran erinnern, dass das heute ein Tag in meinem Leben ist. Ein Tag, der nur 24 Stunden hat und danach vorbei ist, sich niemals wiederholt. Vergangene Zeit kann niemals aufgeholt werden. Natürlich gibt es Tage, an denen ich darüber sehr froh bin, meistens jedoch denke ich mir, wieso ich die Zeit nicht mehr genossen habe.

Manchmal stelle ich mir auch vor, alt zu sein. Wie viel von meinen jetzigen Sorgen werden wohl noch eine Rolle spielen, an welche werde ich mich überhaupt noch erinnern? Macht sie das heute dann unwichtig? Ich glaube nicht, doch Relativierung hilft meist, um sie erträglicher zu machen. Ich frage mich aber auch oft, wie viele Momente ich mit der Zeit vergessen werde. Von meiner Kindheit weiß ich kaum noch etwas, wird mir das später einmal genauso gehen?

Das ist einer der Gründe, weshalb ich das Schreiben so schätze: Ich vergesse vielleicht, was ich einmal schrieb, doch ist es immer da und sobald ich es lese, erinnere ich mich an die Gefühle, die ich dabei verspürte. Sie sind hinter den Buchstaben, Wörtern und Sätzen verborgen. So scheint mir nichts verloren zu gehen.

Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, sich immer mal wieder hinzusetzen und über das Vergangene nachzudenken. Tut man dies nicht, wird man womöglich irgendwann überrumpelt und stellt mit Entsetzen fest, wie viel Zeit verging, ohne dass man es merkte. Dieses Phänomen wird oft als Midlife-Crisis beschrieben. Menschen des mittleren Durchschnittsalters werden sich erstmals des Vergangenen bewusst und scheinen erst dann zu bemerken, dass sie jeden Tag leben. Sie versuchen dann, ihr Leben neu zu gestalten, alles umzukrempeln und bewusster zu leben, zu existieren. Doch weshalb braucht es all diese Jahre, bevor ein solcher Bewusstseinsschlag geschieht? Sollten wir uns nicht öfter daran erinnern, dass jeder Tag, jede Woche, jeder Monat ein Teil Leben ist, damit wir diese Zeit tatsächlich ausnutzen und am Ende nicht überrascht sind – genau dann, wenn es zu spät ist? Macht es das nicht erträglicher?

All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, seit ich meinen Bruder im Arm hielt. Dadurch verhalte ich mich anders, ich erwische mich bei Automatismen, die mich in einen passiven Zustand versetzen. Von meinem Weg von der Schule nach Hause bekomme ich oft gar nicht viel mit, ich nehme meine Umgebung – versunken in meinen Gedanken – gar nicht wahr, bis ich dann irgendwann vor meiner Tür stehe und mich frage, wie schnell die Zeit doch vorbeiging. Doch was, wenn ich sie verlangsamen kann? Was, wenn es schon ausreicht, ab und an zu spüren, wie ich meine Beine bewege und Meter nach Meter hinter mir lasse, wie der Wind durch meine Haare weht und meine Armbanduhr leise tickt.

Ich höre ein Räuspern. Die Bedienung steht an meinem Tisch und lächelt mich freundlich an: „Wir müssen demnächst leider schließen, kann ich Ihnen davor noch etwas anbieten?“

„Ein bisschen mehr Zeit bitte.“

 


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Quelle: https://pixabay.com/de/illustrations/hintergrund-uhren-schl%C3%BCssel-zeit-1425880/  Eingesehen am 4. März 2024




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