Ich bin Leonie, 20 und habe seit 13 Jahren Diabetes Typ 1. Eine Krankheit von der in Deutschland gerade mal 341.000 Menschen betroffen sind. In meiner Familie oder in meinem Freundeskreis hat es keiner, ein Austausch mit anderen Betroffenen fällt so also erstmal weg. Das Gefühl, wenn ich unterzuckert bin, wenn mein Gehirn nicht mehr richtig arbeiten kann und meine Hände anfangen zu zittern, für Menschen ohne diese Krankheit nur schwer nachvollziehbar.

Ihr wisst nicht wovon ich bei Unterzuckerung oder Diabetes Typ 1 spreche? Dann schaut gerne hier vorbei:

Mentale Gesundheit und Diabetes

In der Anfangszeit und auch in den Jahren um meinen 13. Geburtstag habe ich die Krankheit nicht angenommen, ich wollte sie nicht und habe sie abgelehnt. Das ständige Spritzen, Wiegen von Lebensmitteln und das Wissen, wenn ich nicht auf die Krankheit achte, kann es für mich auch spätere Folgen haben, waren für mich zu viel.

Credits: Nina Joachim

Doch nicht nur mir ging es so sondern auch Nina Joachim. Sie ist 21 Jahre alt und hat seit gut 14 Jahren Diabetes Typ 1. Das Gefühl keine Lust zu haben, kennt sie bis heute. Den Blutzucker zu messen, ist manchmal einfach zu schwierig „und das obwohl ich ja nur das Handy an meinen Sensor halten muss“. Für andere wahrscheinlich schwierig nachzuvollziehen. Ich kann sie verstehen. Doch nicht nur das Messen, sondern auch alltägliche Situationen, wie mit Freund:innen Essen zu gehen, ist nicht immer einfach. Statt einer Unterzuckerung kann in dem Fall die Überzuckerung, die Freude auf den Abend herunterdrücken. Während die anderen Essen, darf man es selbst nicht und muss warten.

Für Nina war es bis vor einem Jahr schwierig den Sensor oder auch ihre Pumpe in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die ständigen Blicke von anderen Menschen nerven sie und Ausdrücke wie „Hast du zu viel Zucker gegessen, als du klein warst?“ kennt nicht nur sie, sondern auch ich. Doch wie kann man mit den Sorgen umgehen? Wenn man die Gefühle an Tagen, an denen der Blutzucker schlechter ist,  nicht mit der Familie oder Freunden teilen kann, da sie das Gefühl nicht kennen? Nina hat eine Möglichkeit gefunden.

Instagram als Plattform des Austausches

Credits: Robin Haid

Sie hatte schon länger einen privaten Instagram-Account, doch auf dem habe sie immer ihren Sensor oder auch ihre Pumpe retuschiert. Das einzige was auf den Diabetes hingewiesen hat war ein Hashtag: #t1d (typ1diabetes). Ein Zufall, erzählt sie, sei es dann gewesen, dass sie selbst einen Diabetes-Account mit dem Namen: diabadass_nina eröffnet hat. In einem Gespräch mit anderen Diabetiker:innen kam ihr die Idee, das ist nun ein Jahr her. Am Anfang war ihr Account klein, aber nach und nach und mit einem kurzen Video, wie sie ihren Sensor wechselt, explodierte förmlich ihr Kanal, so dass sie nun fast 28.000 Follower hat. Das Video hat mittlerweile 10,7 Millionen Aufrufe. Die Angst davor anderen ihren Sensor oder die Pumpe zu zeigen, wurde durch den Instagram-Account besser – mittlerweile trage sie die Pumpe nicht mehr irgendwo versteckt, sondern für alle präsent am Hosenbund. Ein großer Schritt, wie ich finde!

Durch Instagram habe sie viele „diabuddies“ gefunden. So nennt Nina die anderen Menschen mit Diabetes, mit denen sie nun regelmäßig im Austausch ist. Manchmal sitze sie mehr als drei Stunden an einem Post. Eine Location zu finden, den Text zu schreiben, da ist viel Kreativität gefordert, dennoch macht es ihr Spaß. Sie möchte Aufmerksamkeit schaffen und den Menschen zeigen, wie es ist, mit Diabetes Typ 1 zu leben. Die Community stärke Nina, denn die eigenen Blutzuckerwerte werden nicht nur von Essen und Trinken, sondern auch von den Hormonen, Stress und den Gefühlen beeinflusst. Da kann es einem schon helfen, wenn man sich mit anderen austauschen, den Stress von der Seele reden kann oder auch einfach die Empathie von anderen für die momentane Situation gegeben ist. Nina erzählt in unserem Gespräch, dass sie unglaublich viel Feedback auf ihre Stories und Post bekommt. Wenn es ihr also mal nicht gut geht, der Zucker nicht möchte wie sie will oder einfach viel los ist, dann kann sie sich auf die diabuddies verlassen. Sie geben ihr Rückhalt und unterstützen sie.

Aufklärung ist ein Muss

Nina wünscht sich mehr Aufklärung, was das Thema „Diabetes“ angeht – mit ihrem Account geht sie einen ersten Schritt. Denn in vielen Zeitungen und Zeitschriften wird bei der Thematik oft nur von dem allgemeinen Begriff „Diabetes“ gesprochen, ohne klar zu unterteilen, um welchen Typ es sich handelt. Dieses kann dazu führen, dass Vorurteile aufkommen und falsche Fakten verbreitet werden. Nicht nur Nina, sondern auch ich erzählen gerne über die Krankheit, doch nur wenn das Interesse wirklich da ist.

Ich bin nur per Zufall auf den Account von Nina aufmerksam geworden und wünschte ich hätte mir schon früher darüber Gedanken gemacht, wie ich andere mit Diabetes Typ 1 kennenlerne. Das Gespräch, die Community und die vielen Instagram-Kanäle zu dem Thema haben mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin. Ich weiß an wen ich mich wenden kann, wenn ich von Problemen spreche, die kaum jemand anderes kennt und ich mir sichern sein kann, dass ich verstanden werde. Instagram ist in diesem Fall kein Problem, sondern viel mehr eine Lösung.

 




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