Ferien – das sind Sommer, Strand und die Wellen des ewig blauen Meeres – aber wie wäre es einmal mit etwas ganz anderem?
Der Weg von Deutschland nach Verdun ist heutzutage etwas beschwerlich. Bestenfalls nimmt man ab Metz den Bus, der dann etwas über eine Stunde durch die elsässische Landschaft fährt. Der Bus ist völlig überhitzt, was nicht so schlimm ist, mitten im Februar. Beim Vorbeifahren sieht man ab und an Soldatengräber, dann wieder Dörfer und Städte, Bauernhöfe und Seen, Gräben und Äcker. Vereinzelt tauchen große Industrieanlagen auf, Bodenschätze, Öl, Kalisalze, Anlagen, die Jahrzehnte überdauert haben und noch treu ihren Dienst tun. Was wollen wir hier?
In Verdun kann man sich heute in einer Zisterne, die im ersten Weltkrieg als Schutz vor den Deutschen gedient hatte, mit VR-Brille, Kopfhörern und Helm ausstatten lassen und in einem Wagen durch den Untergrund fahren. Die Luftfeuchtigkeit beträgt über 80 Prozent und es ist eiskalt. Mit der VR-Technik können die Besucher die Geschichte von vier Männern verfolgen, die am Krieg teilnehmen mussten, von ihnen werden zwei überleben, zwei sterben. Wenn man den Kopf dreht, ist man live dabei, man steht beinahe vor ihnen. Als sie ihre Orden überreicht bekommen, lehnen sie diese Geste ab, da sie in der fiktiven Geschichte schon am nächsten Tag zurück an die Front gefahren werden.
Nach einer halben Stunde beginnt man in der Zisterne, Kopfschmerzen zu bekommen. Die VR-Brille ist eng anliegend, es ist stickig und immer wieder findet man sich in völliger Dunkelheit wieder. Es erscheint unmöglich, dort zu schlafen. Stein für Stein wurde hier gemauert, in den Felsen geschlagen, unter unvorstellbarer Anstrengung in dieser lebensfeindlichen Umgebung.
Es ist die Erinnerung an einen Krieg, der am Ende völlig umsonst war, geführt aus Großmachtinteressen, Sendungsbewusstsein und dem Wunsch, man könne den anderen Völkern etwas befehlen. Verlierer gab es viele. Auch über den Frieden von Versailles, der am 28 Juli 1919 von Deutschland unterzeichnet werden musste, kann man im Rahmen des Projekts etwas lernen, über die Zwischenkriegszeit und den Weg in den deutschen Untergang, den Zivilisationsbruch, dessen Konsequenzen auch die französische Bevölkerung zu tragen hatte.
Ins Leben gerufen hat diese neue Form der Erinnerungskultur das „Land of memory“-Projekt, das von der EU mitfinanziert wird. Die gemeinsame Geschichte Deutschlands, Frankreichs, Luxemburgs und Belgiens kann in über 100 Ausstellungen, Gedenkstätten, Wanderwegen und Festungen erkundet werden. Auf der Website des Projektes kann man sich zudem kurze Podcasts über die Erfahrungen der Franzosen in den beiden Weltkriegen anhören. Dort kann man auch die wahren Ereignisse hinter den Gedenkstätten und Veranstaltungen noch einmal nachlesen. Ein Franzose, der einen „Kriegshelden“ in der Familie hat, kann dessen Geschichte an das Projekt senden. Historiker:innen und Ortskundige haben ganze Wege zusammengestellt, die man innerhalb eines Wochenendes ablaufen kann.
Besonders spannend ist darunter die Route, die die Spuren von Schumann nachverfolgt. Robert Schumann, der ehemalige französische Außenminister, gilt als derjenige, der die „Vision Europas“ verbreitete. Sie endet mit dem Besuch des „Weltzentrum für Frieden“ im Bischofspalast in Verdun. Von da an ist es nicht mehr weit bis zur Gründung der europäischen Union – und der Realisierung der großen Vision.
Aus dem Gegeneinander der Völker Europas wurde ein Miteinander, das bis heute überdauert. So kann man den Führungen in den Sprachen der beteiligten Staaten zuhören und mit dem „Europa-Ticket“ günstig nach Frankreich reisen, ganz ohne Visa oder umständliche, bürokratische Prozesse. Das Projekt richtet sich vor allem an junge Menschen, die mit der EU aufgewachsen sind und die Gründe für das Werden des modernen Europas nachvollziehen wollen. Genau diese sollen mit modernster Technik abgeholt werden, um eine neue Form der Erinnerungskultur zu erleben – Dabeisein, mitfühlen, den Blick nicht abwenden können.
Auf dem Rückweg bin ich die einzige im Bus. Es wird langsam dunkel und die leuchtenden Apothekenreklamen verschwimmen vor den beschlagenen Fenstern mit Straßenlaternen, Eisenbahnsignalen und den beleuchteten Fenstern der Einheimischen. Der Radiosender verdrängt die Gedanken daran, wie es gewesen sein muss, diese Nächte zu überstehen.
In dem Brettspiel, das das Projekt ebenfalls entwickelt hat, geht es darum, den Krieg zu vermeiden – wer ihn auslöst, hat das Spiel verloren. Wenn es doch im wahren Leben auch so einfach wäre.