Der Traum von Freiheit, Zusammenhalt und einem vereinten Europa bröckelt. Emma und Can* machen sich auf der Suche nach ihrer Europäischen Identität. Obwohl sie schon in fünf Ländern gelebt haben, ist es für sie gar nicht so einfach zu definieren, wo ihre Heimat ist. Europa hat ein Imageproblem. Ein Einblick in das Leben mit europäischem Identiätskonflikt:

Es ist still in dem Kulturviertel Berlin-Neukölln. Wenn Emma und Can von ihrer Wohnung mit dem Fahrrad zu ihrem eigenen Laden radeln, fahren sie gelassen an vielen Gaststätten vorbei. Doch die sind alle coronabedingt geschlossen. Mehr als 200 Restaurants gibt es in Berlin Neukölln, dem Viertel in dem Emma und Can seit einem halben Jahr leben. Die Lokale werben mit „Balkanküche“ „österreichischen Spezialitäten“ und „spanischen Tapas“.

Jede:r Zweite hat in Neukölln einen Migrationshintergrund, hier treffen die unterschiedlichsten Nationen aufeinander. Im Vergleich: In ganz Deutschland liegt die Zahl mit 26 Prozent deutlich darunter. Zumindest wenn’s ums Essen geht, stehen viele Deutsche voll auf den europäischen Flair. Aber die eingedeutschten nationalen Speisen allein führen die Europäer nicht zusammen. Die Vielfalt entzückt, Europa entrückt.

Eine Lebensreise durch Europa

Can und Emma haben bisher in fünf europäischen Ländern gewohnt. Beide sind in der Schweiz aufgewachsen, haben dann in Deutschland, Paris, Amerika und in die Türkei gelebt, auf einer Farm in Irland gewohnt und sind seit einem halben Jahr in Berlin. Hier haben sie sich im Oktober 2020 mit ihrem Start-up selbstständig gemacht. Ihr Produkt ist ein veganer Käse.

An diesem Donnerstag eröffnen sie ihren Laden. Ihre langen weißen Kittel und Hauben, mit denen sie am Vorabend noch den Käse gesalzt und gepresst haben, hängen im Hinterzimmer. Ein Lager brauchen die beiden nicht. Genau eine Sorte gibt es in ihrem Laden zu kaufen. „Ich glaube, dass wir jetzt Käse machen, liegt an meinen Schweizer-Wurzeln“, sagt Emma und lacht, „Jedes Gericht in der Schweiz hat Käse drin.“ Ihr veganer Frischkäse ist verpackt wie Camembert und besteht aus gepressten Sojabohnen. Auf der Verpackung ist ein blaues Wuselwesen. Sieht aus wie eine Mischung aus Alf und den Glücksbärchis. Die Bohnen schmecken aus dem Käse noch leicht heraus, aber sonst kommt er nah ans Original. Am Tag der Eröffnung ist nicht viel los. Sie dürfen eh nur aus dem Fenster heraus verkaufen. Ein einziger Käse wandert heute über die selbstgezimmerte Ladentheke. Zum Leben reicht das nicht, aber für ein Foto auf Twitter schon.

„Emma, Bist du Europäerin?“

Jetzt ist Zeit, um einmal nachzufragen. Die beiden haben so viele unterschiedliche europäische Länder bereist, da müsste sich bei ihnen der europäische Geist doch eigentlich eingespielt haben. „Emma, bist du Europäerin?“ „Nein, momentan bin ich Deutsch-Schweizerin.“ Eine ernüchternde Antwort. „Vielleicht denken die Jüngeren über Europa anders, aber meine Generation ist da eher kritisch“, mutmaßt die 33-Jährige.

Sie hat Recht. Jugendliche haben ein stärkeres Europa-Bewusstsein. Die älteren Generationen sind in der Regel kritischer. Das zeigen die Ergebnisse des Forschungsprojekts MiDENTITY. Die Studie, die die Universität Wien 2019 veröffentlichte zeigt, dass sich rund 60% der jungen Menschen zwischen 14 und 20 Jahren stark mit Europa identifizieren und sich selbst als Europäer:innen bezeichnen.

So stark ist die Europäische Solidarität

Die bedeutendsten politischen Bündnisse in Europa sind bekanntlich die Europäische Union und der Europarat. Von 50 europäischen Ländern zählt das Staatenbündnis 28 Mitgliedsstaaten. Europa ist ein geografisches Konstrukt, die Europäische Union das Zeichen für eine europäische Solidarität. Häufig muss sie als Indikator herhalten, um zu beschreiben wie gut die Länder in Europa zusammenarbeiten.

Von den 46 Staaten, die auf dem europäischen Kontinent liegen, sind 28 Mitglied der EU. Diese Länder gehören zwar politisch zusammen, sind im Grunde aber sehr verschieden. Die Spannweite der Lebensausgaben, das BIP, der Bildungsstatus und die Traditionen könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Länder wie das kürzlich aus der EU ausgeschiedene Großbritannien und die abgeschottete Schweiz das Narrativ des starken Einzelkämpfers aufrecht halten wollen, muss sich die EU in der Pandemie erneut als Teamplayer beweisen.

Anti-Europa – Das Schweizer Kapitel

„Wir sind froh, dass wir bei der EU nicht dabei sind“, sagt Emma achselzuckend. Das sei Tenor in ihrer Heimat. Die EU sei schon in Ordnung, aber: „Viele Schweizer mögen es nicht, wenn ihnen in ihre Sachen reingeredet wird“, sagt Emma. Anderen Ländern ginge es ähnlich.

„Ich hatte nie den Spirit, dass ich Europäerin bin. Wir profitieren zwar von Europa, sind aber nicht wirklich dabei.“ – Emma

Nach dem Umzug nach Neukölln änderte sie ihre Meinung: „Ich habe gemerkt, dass ich mit manchem Spanier oder Engländer mehr gemeinsam habe als mit den Schweizern.“ Jetzt mache sie sich um ihre Heimat große Sorgen: „In der Schweiz gibt es eine Anti-Europäische-Identität. Das ist gefährlich. Wir haben viel zu verlieren, wenn wir in diese Richtung driften.“

Eine Mehrheit der Schweizer:innen ist zwar für eine Weiterentwicklung der Beziehungen mit der EU. Ein Beitritt steht aber nicht zur Debatte. Nur sieben Prozent der Schweizer:innen gaben in einer repräsentativen Umfrage beim Credit Suisse Europa Barometer 2020 an, dass die Mitgliedschaft in der EU oberste Priorität habe. Drei von vier Schweizer:innen geben darüber hinaus an, dass die EU durch die aktuellen Ereignisse sehr oder eher geschwächt wurde.

Europa: Chance und Herausforderung fürs Start-Up

Dass die beiden nicht in der Schweiz, sondern in Berlin wohnen, ist kein Zufall. Eigentlich wollte das Paar ihr Unternehmen in der Schweiz aufbauen, aber die Schweiz sei kein guter Standort für ihr Startup gewesen. „Für uns war es ein Problem, dass sie nicht Mitglied der EU sind. Es gibt Zoll, unseren Käse in andere Länder zu verschicken, lohnt sich überhaupt nicht.“ Auch die Lebenshaltungskosten in Berlin sind deutlich günstiger als in der Schweiz.

„Die EU hat einen großen Nutzen für die Wirtschaft und Innovationen. Es hat Vorteile für viele Kleine aber auch große Unternehmen. Es wäre gut, wenn die Schweiz auch dabei wäre“, meint Emma.

Sie brütet schon seit Stunden an ihrem Laptop, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Manchmal sei sie genervt von den vielen Vorschriften, die „von oben“ kämen. „Wir müssen für unseren veganen Käseladen zum Beispiel bestimmte Hygienekonzepte einhalten. Das ist okay, aber niemand informiert transparent, wie intensiv so ein Konzept ausgearbeitet werden muss,“ erzählt sie. Die Vorlagen im Internet seien alle mindestens einige Monate alt. Der Papierkram zum Anmelden eines Unternehmens, zum Umgang und Gebot mit Lebensmitteln und die vielen anderen Formalien gehen den beiden auf den Käse.

Am Abend machen sich Emma und Can von dem Laden auf den Weg nach Hause. Emma genießt ein Glas italienischen Rotwein, trocken. Da sie erst vor kurzem mit Can nach Berlin gezogen ist, sind ihre Wohnzimmerwände frisch verspachtelt, die Tapete fehlt. Sie sitzt auf einem gefleckten Sofa, das noch aus der DDR stammt. Es riecht muffig und staubt. Über die Frage, was Heimat für sie bedeutet und wie Europa damit zusammenhängt, grübelt sie schon den ganzen Tag.

Mein Papa, der Europäer

„Mein Papa, er ist voll der Europäer“, sagt Emma und zieht ihre Mundfalten hoch. Ihr Vater und ihre Mutter sind gemeinsam in Westberlin aufgewachsen. Sie als Schweizerin, er als Deutscher. Emma erinnert sich an seine Erzählungen aus ihrer Kindheit: „Zuhause hatten wir ein paar Steine von der Berliner Mauer. Mein Vater hat viel davon erzählt, wie schwierig es damals war.“ Er habe erlebt, wie es ist, in einer großen Gemeinschaft zu leben und stünde voll hinter den europäischen Werten. „Damit nicht jedes Land gegeneinander kämpft, sondern dass man als Gemeinschaft voneinander profitiert und sich stabilisiert – das ist der Sinn von Europa“, meint Emma. Das habe sie von ihrem Vater gelernt.

Je länger sie über ihre Wurzeln und ihre Heimat nachdenkt, umso mehr überdenkt sie ihre Antwort vom Vormittag. „Ich bin auf jeden Fall Pro-Europäerin. Wir profitieren als Gesellschaft mehr, wenn wir Handel betreiben und die EU ist ein Gewinn für uns alle.“ Aber Europa als ihre Heimat zu bezeichnen, das falle ihr dennoch schwer. Immer mal wieder hält sie kurz inne und schaut an die befleckte leere Decke und runzelt die Stirn:

„Ich weiß gar nicht was Heimat ist. Wenn ich wüsste, dass ich zwanzig Jahre oder länger an einem Ort wohnen müsste… Das macht mir Angst.“

Es könnte nicht konträrer und verzwickter sein: Dorena und Can leben den europäischen Traum, haben in verschiedenen Ländern in Europa gewohnt und profitieren von den unterschiedlichen Kulturen, trotzdem fühlt es sich für sie nicht nach Europa an. Und da haben wir es:

Europa hat ein Image-Problem.

Was bislang fehlt, ist ein Gefühl des Gemeinsinns, eine positiv besetzte europäische Identität – das, was man hierzulande als „Heimat“ bezeichnet. Warum sprechen wir immer noch von Heimat? Wenn es um Europa geht, müssten wir von Heimaten sprechen, im Plural. Wie Emma es schon erwähnte: Sie sei nicht nur Deutsche oder Schweizerin, sondern Deutsch-Schweizerin. Erst aus den verschiedenen Wurzeln und Nationalstaaten und unterschiedlichen Heimaten wird dann vielleicht einmal der gemeinsame Nenner Europa. Es braucht jetzt Debatten über unsere Identität und Zukunft, nur dann kann Europa für einen Großteil der Bevölkerung zur Heimat werden. Die Literatur muss das Narrativ von Europa nicht erfinden. Es gibt sie, die Geschichten wie die von Emma und Can. Von Europäern, die von Europa profitieren und Kulturen vereinen. Die Realität muss nur noch als Geschichte in kleine Päckchen verpacken und zum Frühstück servieren.

Brunch à la Europa

Beim Sonntagsbrunch machen sich Cans türkische Wurzeln bemerkbar. Statt Brötchen mit Aufschnitt serviert er frischgebackenes warmes Fladenbrot mit Sesam. Den „Yufka“ hat er am Verkaufsfenster bei einem türkischen Bäcker um die Ecke gekauft. Das Weißbrot ist warm und dampft. Dazu Çemen, eine Auftrichpaste mit Tomatenmark, Knoblauch und Öl und „Haydari“, eine scharfe Vorspeise aus Joghurt und Chillies. Der frische Fladen mit Dip zergeht langsam auf der Zunge, gemischt mit der ziemlich scharfen Sauce, die im Hals leicht brennt. „Kulinarisch haben wir aus all den Ländern viel mitgenommen“, sagt Can, „Hätte uns das Essen hier in Berlin nicht geschmeckt, wären wir auch nicht geblieben“.

Die Zukunft von Europa liegt in unseren Händen

Emma hat mittlerweile einen Ansatz für ihre europäische Identität:

„Um die europäische Identität zu verstehen, ist es wichtig, in unterschiedlichen europäischen Ländern zu wohnen“,sagt Emma, „Wir haben garantiert einen Teil aus den Ländern mitgenommen.“ Das Essen sei ein Teil davon.

Es sind die Visionen und die Narrative, die Emma und Can von Europa fehlen. Grenzenlos reisen, arbeiten und leben: die wirtschaftlichen Vorteile der EU waren vor der Corona-Pandemie für viele Menschen selbstverständlich. Jetzt – und wer wäre überrascht – werden Grenzen geschlossen, Staaten kämpfen um Impfstoff-Ressourcen und statt an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, geht jedes Land allein nach vorne. Erst beim Verlust dieser überragenden europäischen Freiheiten, wird die Stärke dieses abstrakten Konstrukts „Europa“ deutlich.

Es ist ironisch und tragisch: Die größten Visionen und stärksten Narrative haben diejenigen, die nicht in Europa sind, aber ihr Leben im Mittelmeer dafür hergeben, um zu uns zukommen. Nach dem Frühstück nimmt Emma ihren letzten Schluck Kaffee. Sie stellt die Tasse ab und schaut sehr zufrieden: „Je mehr ich jetzt darüber nachdenke, umso mehr fühle ich mich europäisch. Vielleicht ist meine Heimat auch Europa.“ Wie Europa sich in der Zukunft entwickelt, liegt in den Händen der Bürger:innen: Sie prägen das Narrativ und die Visionen von Europa.

 

*Auf Wunsch wurden die Namen von der Redaktion geändert.

Beitragsbild: CC-Lizenz via Pixabay




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