4 Jahre Vollinvasion – und 12 Jahre Krieg. Dies ist die traurige Bilanz, die wir alle am 24.02.2026 ziehen mussten. Seit 4 Jahren überzieht Putins Russland nicht nur die Ostukraine, sondern das gesamte Land mit Bombenangriffen, Drohnen und Bodentruppen. 4 Jahre unermessliches Leid und tägliches Sterben.

Als Ostdeutsche haben wir oft die Erinnerung an „unser Jahr„ 1989, hoffen manchmal, wenn wir über den Wilhelm-Leuschner-Platz gehen, die russische Bevölkerung könnte, wie einst „wir„ (oder besser gesagt unsere Eltern) auf die Straße gehen und Putins Regime ein für alle mal zerschlagen. Aber nichts passiert. Am 16.02 war der zweite Todestag von dem wohl bekanntesten Kremlkritiker, Alexej Navalny. Nur sehr wenige Menschen waren mit uns auf der Straße, um dem Regimegegner zu gedenken. In den vorherigen Jahren wurde die Gedenkstätte immer wieder recht schnell zerstört, erzählen mir jene, die sie dieses Jahr – trotz allem – wieder aufgebaut haben, hier in Ostdeutschland.

„Mit uns hat das alles gar nicht so viel zu tun„, könnte man ja denken. Aber der lange Arm des FSB reicht bis nach Ostdeutschland, besser gesagt, bis nach Dresden, so wurde es zu Beginn des Jahres von einigen Zeitungen berichtet. Vereine, die sich mit der „deutsch-russischen Freundschaft„ im Namen rühmten, die zu DDR-Zeiten ja mehr als nur guter Ton war, haben ihre Namen geändert, existieren aber weiter. Auch hinter deutsch-russischen Kulturvereinen und hinter Friedensvereinen versteckt sich (leider) oft ein direkter Draht zum Kreml.

Im Oktober vergangenen Jahres machte es kaum Aufsehen, dass im thüringischen Liebstedt unter dem Vorwand des Friedens Menschen zu Wort kamen, die in den vergangenen Jahren nicht nur „alternative Medizin„ oder Waldorfpädagogik praktizierten, sondern auch direkte Verbindungen nach Russland pflegten – und das höchstwahrscheinlich weiterhin tun. Zumindest über einigen Akteur:innen findet man nach einer kurzen Google-Suche hinaus, dass sie sich aktiv gegen die NATO engagieren und lange Zeit in Russland gelebt und gearbeitet haben. Und die Welle der russischen Desinformation, die auf Social Media gerne als „Putintrolle„ abgetan wird, rollt unaufhörlich weiter, beeinflusst unsere öffentliche Meinung, unsere Politik.

Was viele in Deutschland meines Empfindens nach immer noch nicht begreifen, ist die Tatsache, dass Putin hier einen brutalen Angriffskrieg führt, der mit den Mitteln schmutziger Kriege aus dem 20. Jahrhundert geführt wird. Putin bombardierte Spielplätze, Geburtsstationen – das erregte Aufschrei, aber ohne Folgen. Russland setzt massiv thermobarische Waffen ein, die die Lungen der Opfer regelrecht zerdrücken, die Menschen in Bunkern qualvoll ersticken lassen – Schutz gibt es für Zivilisten kaum. Und ja, natürlich sind diese ganzen Angriffe auf Zivilist:innen ein Kriegsverbrechen und ein Verstoß gegen das Völkerrecht, aber wenn wir an diesem Krieg eines gesehen haben, dann die Tatsache, dass es doch irgendwo stimmt, dass supranationale Institutionen ein „Ritual einer brennenden Welt„ bleiben, die nicht so handlungsfähig sind, wie wir es brauchen.

Wofür ich plädiere, das ist ein Ende der Apathie. Selbst ohne jeden Einfluss auf die aktuelle Geopolitik nehmen zu können, muss uns als Deutsche klar sein – dieses Volk braucht unsere Hilfe. Ukrainische Menschen kommen – immer noch – nach Deutschland, haben alles verloren, haben schlimmes erlebt und stehen jetzt vor der Herausforderung, eine neue Sprache zu lernen, eine neue Arbeit zu finden, sich einzuleben – und das alles in dem Bewusstsein, in gestundeter Zeit zu leben, immer mit der Hoffnung, dass dieser Krieg irgendwann endet. Das schafft niemand alleine.

Und freilich, nach 4 Jahren schwindet die Hoffnung bei allen auf ein Minimum. Aber das Sterben und Töten unschuldiger Menschen hört nicht auf, ebensowenig wie die Flucht und der Bedarf an humanitären Hilfsgütern jeglicher Art. Gleichzeitig fließt immer noch deutsches Geld nach Russland, handeln deutsche Firmen mit Russland, werden die Stimmen nach dem Wiederaufbau deutsch-russischer Pipelines im Anbetracht leerer Gasspeicher wieder lauter. Es ist manchmal zum verrückt werden.

Ich habe auf Demonstrationen und Mahnwachen schon viele Ansätze gehört, die das Bewusstsein für die quälende Lage wecken sollen. „Zählen Sie von eins bis vier und behalten die Zahl im Kopf, wenn ich Stopp rufe„, sagte eine Aktivistin einmal. Dann wären alle Anwesenden, die die Zahl vier hatten, tot, wenn es kein Gedankenspiel wäre, wenn wir nicht in Sachsen, sondern in Kyjiw leben würden. Aber wer sowas mitspielt, hat den Ernst der Lage vermutlich vorher schon verstanden.

Was viele nicht verstehen, oder vielleicht auch nicht verstehen wollen, weil es so grausam ist, ist die unerbittliche Härte der Realität, mit der dieser Krieg geführt wird. Und auch jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, geht diese Grausamkeit weiter. Jeden Tag und jede Stunde. Es sind ja nicht nur die Bomben und Drohnen, sondern auch die Kälte, weil die Angriffe auf die Energieversorgung für Ausfälle von Strom und Heizung sorgen. Als ich im Januar eine Videokonferenz nach Kyjiw führen konnte, hatte es bei der Person am anderen Ende der Leitung -20 Grad, draußen, in der Wohnung waren es knapp über 0 Grad. So harrten die Bewohner:innen Kyjiws den Winter aus – erzwungenermaßen. Heute sind es -3 Grad in der Nacht, aber das ist immer noch viel zu kalt, um ohne Heizung zu leben.

Im Anbetracht einer verzweifelten Lage bleibt mir nur, an den Spruch zu erinnern, den die nicaraguanische Schriftstellerin Giaconda Belli immer wieder wiederholte – „ den Luxus der Hoffnungslosigkeit können wir uns nicht leisten„. Was bleibt ist die vage Aussicht auf einen Frieden, irgendwann, irgendwie – und das Bemühen, den Menschen, die unter dem Regime Putins leiden, so gut wie möglich zur Seite zu stehen.




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