Disclaimer: Dieser Text handelt von sexualisierter Gewalt.

 Angst alleine. Nicht im Dunkeln. Nicht nachts. Draußen. – eine Fortsetzung von „Angst alleine. Im Dunkeln. Nachts. Draußen.“ 

Ich brauchte frische Luft, mal wieder acht Stunden vor dem Bildschirm gesessen. Mich plagten Kopfschmerzen, wollte raus, Gedanken loslassen und die Welt außerhalb meiner Wohnung wahrnehmen.

Ich war auf dem Weg zum Westpark, kurz davor. Mein Kopf völlig überfüllt. Auf einmal sah ich jemanden im Augenwinkeln, auf dem Fahrrad, er lächelte mich an. Ich mag es allgemein Leute anzulächeln und dieses auch zurückzubekommen. An diesem Tag waren meine Gedanken woanders, ich nahm das Lächeln erst in letzter Sekunde war und lächelte kurz zurück, aber irgendwie gezwungen,- mir ging es ja selbst nicht gut, ich wollte meine Ruhe.

Ist mein Lippenstift schuld?

Ich ging weiter, ein wenig verwundert, dass er mich überhaupt gesehen hat, da eine Reihe von Autos sich zwischen uns befand. Auf einmal hörte ich ihn hinter mir. Wie kommt er denn jetzt dahin – hat er extra eine Schleife gedreht? Hab ich ihn so gecatcht? Das war doch nur ein nettes Lächeln, keine Einladung. Ich drehte mich um, er hielt mit seinem Fahrrad an, blieb aber drauf und stemmte sich auf den Lenker. Er machte sich damit größer – wollte er mir überlegen sein? Seine erste Aussage: „du siehst echt sympathisch aus. Der Lippenstift steht dir.“ Oh stimmt ja, ich trage Lippenstift. War das wichtig zu nennen?

„Hast du Angst?“

Ich glaube, ich bedankte mich, wollte aber eigentlich wieder weiter – wie gesagt, ich wollte gerne meine Ruhe. Irgendwas davon hat er wohl mitbekommen, denn er fragte mich, ob ich Angst habe. Ja, ehrlich gesagt hatte ich sie. Er war mir unbekannt, ich fühlte mich nicht gut, um uns herum waren keine Menschen und er – er kam einfach auf mich zu, machte sich größer und denkt, ich wolle mit ihm reden. Ich antworte darauf nichts – kann ich das einfach sagen, dass ich Angst habe, ist das nicht böse? Vielleicht ist er ja auch einer von den „Guten“ und hat gerade all seinen Mut gefasst, um mich anzusprechen. Aber so fühlte es sich für mich nicht an.

Keine Antwort schien ihm also recht, so redete er weiter. Er redete davon, bei BurgerMe zu arbeiten, „die Burger seien doch lecker oder?“ „Ich habe dort noch nie einen gegessen, also kann ich dazu nichts sagen“, entgegnete ich ihm. „Ich kann gut bedienen“, antwortet er daraufhin. Okay, habe ich danach gefragt, habe ich allgemein gefragt, was du machts oder dich zu einem Gespräch eingeladen? Vermittle ich das Gefühl, dass ich interessiert bin – ich denke nicht. Ich bin eigentlich immer abweisend, wenn mir Leute nicht richtig kommen – merkt er das nicht?

Nicht locker lassen

Wieder die Frage: „Hast du Angst vor mir?“.  Ich weiß nicht, wie ich ihm vermitteln soll, dass ich sie wirklich habe, ich möchte nicht unhöflich sein. Ich entscheide mich für „ja eigentlich schon ein wenig, ich habe in der Vergangenheit nicht so gute Erfahrungen gemacht“. Das ist zwar gelogen, aber ich dachte, dadurch würde er mich verstehen und in Ruhe lassen. Doch antworte er mit „ist es, weil ich keine Maske aufhabe?“ – was hat das denn jetzt mit Angst vor Männern zu tun, hört er mir überhaupt zu?

Während der ganzen Konversation kommt er mit seinem Fahrrad immer näher auf mich zu, immer in kleinen Stücken, aber immer näher. Ich weiche immer weiter zurück. Jetzt die Realisierung: ich habe kein Handy dabei, um Hilfe zu rufen. Ich wollte ja auch eigentlich mal abschalten. Warum läuft hier gerade niemand anderes herum? Ich gerate innerlich in Panik.

Sind bei ihm alle guten Dinge drei?

Jetzt zum dritten Mal die Frage: „Hast du Angst vor mir?“ Wird er wohl aggressiv werden, wenn ich es offen sage, dass ich wirklich Angst habe? Gibt ihm das noch mehr Zuspruch? Ich entscheide mich also nicht für die Wahrheit, ich entscheide mich für „Tut mir leid, aber ich habe kein Interesse.“ Kam da nochmal die Frage „Warum, hast du Angst vor mir?“ oder war es nur ein „warum?“, ich bin mir unsicher.

Ich höre in meinem Kopf nur die Frage „Hast du Angst vor mir?“ Wenn er das fragen muss, sollte er doch von selbst auf die Idee kommen, die Konversation zu beenden, mich in Ruhe zu lassen. Warum kommt er bei der Frage immer näher? Will er, dass ich Angst habe?

Muss ich mich für mein „Nein“ rechtfertigen?

Nochmal zu seiner letzten in Realität gestellten Frage, warum ich kein Interesse habe. Muss ich das wirklich beantworten? Warum reicht ihm ein „Nein“ nicht aus? Warum sollte ich mich dafür noch rechtfertigen müssen, kein Interesse zu haben? Ich bringe trotzdem schnell eine Antwort hervor, da er endlich nachlassen soll. Ich möchte schnell weg hier. Ich entgegne ihm, ich habe einen Freund und deswegen kein Interesse. Das war wohl das Schlüsselwort, denn er entschuldigt und verabschiedet sich. Ich drehe mich um und gehe schnellen Schrittens zum Eingang des Westparks. Ich habe das Gefühl, er verfolge mich. Doch er ist weg – endlich.

Ich atme auf, mein Puls läuft trotzdem unkontrolliert schnell. Ich laufe weiter mit hastigen Schritten durch den Westpark. Ich habe immer noch das Gefühl er verfolge mich, und dazu das Gefühl von Angst, ja Angst! Angst, der Unbekannte kommt wieder. Gefühlt renne ich durch den Park. Irgendwie sind hier überall nur Männer. Schauen sie alle auf meinen roten Lippenstift? Checken sie mich alle ab? Bin ich jetzt paranoid, eingeschüchtert oder ist das Realität? Bin ich sonst freizügig angezogen? Eigentlich nicht, ich meine nein – ich habe nur oversized Kleidung an und mein Schal bedeckt schon fast meinen gesamten Oberkörper.

Panik und die Frage de Schuld

Ich nutze extra einen anderen Ausgang, habe Angst den Unbekannten nochmal zu treffen. Benutze extra viel befahrene Straßen, ich habe ja kein Handy dabei. Ich fühle mich hilflos. Kann ich jetzt schon nicht mehr alleine rausgehen, brauche ich immer ein Backup, um mich sicher zu fühlen? Werde ich nochmal roten Lippenstift tragen oder lass ich es lieber, damit gar sowas nicht nochmal passiert? Bin ich selbst schuld, weil ich ihm zunächst zurück angelächelt habe? Bin ich schuld, dass er nicht nachgelassen hat, weil ich nicht ganz ehrlich war? War ich unhöflich und er wusste einfach nicht, wie Small Talk funktioniert?

Ich kam nach Hause. Mein Mitbewohner fragte mich, ob der Spaziergang erholsam  gewesen sei – oh nein. Ich war völlig aufgewühlt. Trotzdem ging ich am nächsten Tag wieder raus, eine Runde spazieren. Ich würde auch nochmal Lippenstift tragen, wenn ich Bock drauf hätte!

Verständnisprobleme von „Nein“=„Nein“

Einige Tage später sprach mich ein weiterer Typ an. Ich entgegnete ihm ebenfalls, ich habe kein Interesse. Er hakte immer weiter nach, warum das so sei, bestimmt drei Mal. Warum ist das so schwer ein „Nein“ zu akzeptieren?! Das macht mich wütend. Nein ist nein, akzeptiert es, bitte. Doch er hat es nicht akzeptiert. Er hat sich anscheinend in seinem Ego gekränkt gefühlt, dazu habe ich wirklich höflich und nett sein Angebot eines Dates abgelehnt – obwohl ich innerlich vor Wut kochte. Mit dem Abschied „du verpasst was Hübsche!“ ließ er mich dann endlich gehen und in Ruhe. Doch ich war innerlich nicht ruhig…


Falls du auch schon Opfer von sexualisierter Gewalt warst, egal in welcher Form und du Hilfe bei dessen Bewältigung brauchst, sind hier ein paar Anlaufstellen – du bist nicht allein.



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