Am Samstag, den 27. April feiert „Die Frau, die gegen Türen rannte“ Premiere im Maschinenhaus in Essen. Lesley Higl spielt die alkoholsüchtige Paula Spencer, die aufsteht und versucht, ihr Leben aus eigener Kraft in den Griff zu bekommen. Der Regisseur Jürgen Hartmann zeigt in seiner Inszenierung, des gleichnamigen Romans von Roddy Doyle, eine starke Frau, die nicht aufgibt und öffnet die Debatte um das Tabuthema der häuslichen Gewalt. Vorab haben wir mit Lesley Higl und Jürgen Hartmann über die Inszenierung gesprochen.

Interviewer: Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?

Lesley: Ich wollte ein Solo-Stück machen und habe deshalb ganz viele Solostücke für Frauen gelesen. Es ist sehr schwierig etwas zu finden. Ich würde eher sagen, dass das Stück mich gefunden hat. Ich habe es gelesen und es hat mich sehr berührt. Mit dem Thema der häuslichen Gewalt hatte ich mich bis dahin noch nicht viel beschäftigt. Daraufhin sind wir auf eine Reise gegangen. Wir waren in Bochum bei der Caritas, die Frauenhäuser betreuen und haben uns beraten lassen. (…) Ich fand die Reise sehr spannend, weil ich mich bisher noch nicht viel damit beschäftigt hatte. Es ist ein Wahnsinn zu erfahren, wie viele Frauen tatsächlich mit häuslicher Gewalt zu tun haben und lange den Absprung nicht schaffen.

Aber an diesem Stück eben fand ich ganz schön und das sehr wichtig, dass Paula Spencer den Absprung geschafft hat und von ihrer Geschichte erzählt. Es ist eine Frau, die eben dasteht und ganz stark ihre Geschichte erzählt. Zwar sicher auch Opfersituationen hatte, aber ihr Leben in die Hand genommen hat. Das finde ich sehr ermutigend für diese Frauen.

Interviewer: Kannst du erzählen welche Entwicklung Paula in dem Stück durchlebt?

Lesley: Sie erzählt ihr komplettes Leben, also von ihrer Kindheit an, um für sich zu erfahren, wie sie in diese Situation geraten konnte. Sie erzählt von ihrer großen Liebe und schaut sich ihren Vater an, weil viele ja denken, es liegt am Vater. Sie wird Alkoholikerin, das ist ihre Flucht. Es ist ein Wahnsinn, was sie durchlebt. In dieser Achterbahn und diesem Sog zu sein… Sie hat auch vier Kinder, was für viele Frauen oft ein Grund ist zuhause bei den Kindern zu bleiben, nicht auszubrechen. Sie schafft den Absprung. Sie erzählt, wie sie dann doch den Schritt geschafft hat ihren Ehemann rauszuschmeißen und die Stärke dafür zu haben. (…)

Der Autor muss diese Frau auch so lieben, ich liebe sie auch ein bisschen, weil er für sie eben auch ein zweites Buch geschrieben hat, in dem sie von ihrem Alkoholismus loskommt. Sie ist eine ganz starke Frau! Paula hat mich sehr berührt.

 

Interviewer: Wie bringst du das auf die Bühne?

Lesley: Ich glaube durch das ganze Eintauchen in die Geschichte. Auch wenn ich persönlich keine häusliche Gewalt erlebt habe, kenne ich die Situation einer abhängigen Liebe. Jeder kennt das wahrscheinlich, dass man schon in ähnlichen Situationen war, wo man sich nicht lösen konnte. Ich glaube, dass auch schon die Erinnerung an solche Momente etwas in einem auslösen kann. Jeder findet sicher ein Stückchen Paula in sich, auch wenn er nicht diese extreme körperliche Gewalt gefühlt hat, daran knüpfe ich an. Ich habe einen ganz tollen Regisseur, der mit mir sehr intensiv gearbeitet hat. Wir wollen bewusst die Geschichte erzählen und nicht eine Stunde zeigen, wie schlecht es mir geht. Es geht darum zu zeigen: Hier bin ich, steht auch auf, traut euch, geht den Schritt, löst euch!

Interviewer: Sucht Paula sich Hilfe?

Lesley: Nein, sie ist allein. Das ist aber bei vielen Frauen tatsächlich genauso.  Viele Frauen wissen nicht, wie sie sich helfen lassen können und schämen sich vor der Familie und mit Freunden darüber zu sprechen. Bei Paula ist das ähnlich, sie hat Arbeit und vier Kinder. Sie muss einfach funktionieren.

Interviewer: Was war für dich der Anstoß, dass du das Stück umsetzen wolltest?

Jürgen: Was mich an diesem Stück so berührt hat, ist dieser irische Sound und die Atmosphäre, weil es auch immer einen gewissen Humor hat, trocken. Es ist ja auch eine irische / englische Tradition, dass man proletarische Themen sehr glaubhaft und greifbar ohne Sozialkitsch rüberbringen kann. Deshalb fand ich das Stück brauchbar für einen Theaterabend.

Das zweite war, dass da ja eigentlich eine Frau sitzt, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt und sich beobachtet. Das finde ich extrem spannend. Es ist ein zentraler Aspekt unseres Lebens, dass wir unser Bewusstsein haben, mit dem wir uns selber beobachten können und das in bestimmten Situationen eine Orientierung sein kann.

Interviewer: Habt ihr euch damit beschäftigt, wie Frauen aus diesem Kreislauf rauskommen?

Lesley: Wir hatten ein privates Gespräch mit den Frauen, die bei der Caritas arbeiten und waren auf einem Infoabend. Sie versuchen dort die Frauen zu beraten und ihnen erstmal Schutz zu geben. Dort ist alles geheim und die Frauen sind anonym, weil manche Männer die Frauen auch zurückholen wollen. Es fehle tatsächlich häufig an Mitarbeitern. In Bochum sind acht Damen für das gesamte Gebiet zuständig. Es fehlen Sozialarbeiter und damit Plätze, weshalb sie nicht alle aufnehmen können. Das finde ich ganz tragisch und sie haben kein Therapieangebot. Es gibt zwar eine Anwaltshilfe, jemand der hilft, wenn die Frauen sich trennen wollen, aber sie erhalten keine therapeutische Unterstützung. Die Caritas hilft den Frauen dabei erst einmal anzukommen. Viele Frauen gehen leider wieder zurück und kommen wieder. Es gibt sehr viele Rückfälle.

(Von links nach rechts) Rabea Stadthaus, Lesley Higl, Jürgen Hartmann

Was ich schön fand und das muss ich sagen, ist, dass die Frauen erzählt haben, dass sie immer zusammen tanzen. Also sie machen die Musik an und dann tanzen sie zusammen. Das hatten wir vorher schon und ist im Buch teilweise auch so, Paula hört immer Musik. Das finde ich ein schönes Bild, dass die Frauen gemeinsam Musik hören, dazu tanzen und sich gemeinsam unterstützen, so weit sie können.

Interviewer: Was wird das „Die Frau, die gegen Wände rannte“ bei den Zuschauern auslösen?

Lesley: Ich glaube, das ist grundsätzlich ganz unterschiedlich. Menschen, die das Thema selbst oder in ihrem Freundeskreis erlebt haben, wird das Stück sicherlich anders berühren, als Menschen, die damit noch gar nichts zu tun hatten. Sie machen sich dann aber vielleicht Gedanken und reflektieren ihr Umfeld. Ich glaube schon, dass es jeden auf eine andere Weise berühren wird. Ich hoffe, dass das Publikum sehr gemischt ist: Alle Schichten, alle Berufe und Jung und Alt. Wir spielen ganz bewusst nicht nur für Betroffene.

Jürgen: Es fällt sehr leicht eine emotionale Verbindung zu Paula aufzubauen, weil Lesley sie so toll spielt. Sie ist eine sympathische Figur. Der Zuschauer geht mit ihr mit. Das Stück ist so aufgebaut, dass Paula das Publikum an den Schmerzpunkt an die Hölle ranführt. (…) Ich denke, dass es auf jeden Fall berührend wird. Vielleicht entsteht da in dem einen oder anderen etwas, dass er sich näher mit dem Thema auseinandersetzt. Ich glaube, das ist das, was wir erreichen können.

Lesley: Wir hatten aber auch sehr viel Spaß bei den Proben. Das Stück soll sympathisch sein, es wird ein Leben beschrieben. Dieses Leben ist ihr Leben und ich mag sie sehr.

Jürgen: Es gibt wenig literarische Figuren von denen man denkt, die leben eigentlich. Die sind auch außerhalb des Buchdeckels unterwegs. Das ist aber mit Paula so, sie ist eine Figur wo man denkt…

Lesley: Da ist sie wieder!




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